Donnerstag, 26. Februar 2015

Der Große Terror und der Stalinkult

Josef Wissarionowitsch Stalin (1878-1953)
Zwischen August 1936 und März 1938 fanden in Moskau die drei großen Schauprozesse statt, in denen Stalin anhand erfundener Anklagen die alte Revolutionsgarde und die letzten Kampfgenossen Lenins eliminierte. Parallel dazu verliefen in den Provinzen tausende weiterer Verfahren, in denen immer neue Verräter entdeckt bzw. alte Rechnungen beglichen wurden und die - durch regelrechte Quotenvorgaben von Stalin – zu wahren Blutorgien ausarteten und faktisch eine Lizenz zum Töten darstellten.

Stalin höchstpersönlich veranlasste, befahl, organisierte und kontrollierte die ‚Maßnahmen‘. Er ließ sich wöchentlich die Zahl der Hingerichteten vorlegen. Es ist nachgewiesen, dass er die Todesurteile gegen hohe Parteifunktionäre selbst prüfte und bestätigte, und dass in den drei Jahren des Terrors 383 Listen mit Todesurteilen über seinen Schreibtisch gegangen sind, die allein in den Jahren 1937 und 1938 mindestens 40.000 Namen enthielten. An einem einzigen Tag, dem 12. Dezember 1937, beispielsweise bestätigte Stalin 3.167 Todesurteile und gingen anschließend in sein Privatkino - wo er sich zumeist amerikanische Western anschaute, die im ganzen Lande streng verboten waren.

Im Juni 1937 wurden zusätzlich und ohne jede Vorwarnung die führenden Köpfe aus dem Oberkommando der Roten Armee verhaftet und bereits am nächsten Tag erschossen. Zuvor erging eine von Stalin eigenhändig unterschriebene Weisung an sämtliche Staatsorgane, überall Arbeiter-, Bauern- und Soldatendemonstrationen zu organisieren, auf denen die Todesstrafe für die Verhafteten zu fordern war. 

Schauprozess in Moskau (1936) 
Was als „Säuberung in der Armee“ entfesselt wurde, entwickelte sich buchstäblich zum „Overkill“ in den eigenen Reihen. Danach wurden drei von fünf Marschällen, 13 von 15 Armeekommandeuren, acht von neun Flottenadmirälen, 50 von 57 Korpskommandeuren, 154 von 186 Divisionskommandeuren, alle 16 Politkommissare, alle elf Stellvertreter des Volkskommissars für Verteidigung und 98 von 108 Mitgliedern des Obersten Militärrats ermordet. Im Zeitraum von 1937 bis 1941 wurden 43.000 Bataillons- und Kompanieoffiziere verhaftet, erschossen, deportiert oder endgültig vom Dienst suspendiert. Das Militär enthauptete sich praktisch selbst. Der Historiker Roy Medwedjew urteilt, dass „keine Armee im Kriege je so viele höhere Offiziere verloren hat wie die Rote Armee in dieser Periode des Friedens.“

Schließlich begann mit der Verhaftung und Hinrichtung des Geheimdienstchefs Jagoda die ‚Säuberung der Säuberer‘. Das Zentrum des Terrors, die Lubjanka, verwandelte sich nochmals in ein Schlachthaus, und zwar nicht nur für die dort Einsitzenden, sondern auch für das Personal. Menschen, die gestern noch zu den Peinigern gehört hatten, fanden sich unten in den Folterkellern nicht selten auf ein- und derselben Pritsche neben denen wieder, denen sie vor Tagesfrist noch die Todesangst ins Gesicht getrieben hatten. 

Im Frühjahr 1938 konnten Partei, Armee, Wirtschaft, NKWD und Verwaltung als gesäubert gelten. Alle Altbolschewisten waren tot, alle Generäle erschossen und alle großen Fabriken ohne Direktor.

Das heißt natürlich nicht, dass „Säuberungen“ und Terror an sich aufhörten. Was nun begann, war etwas Neues: Die Verehrung und Verherrlichung des großen Führers nahm nunmehr die unübersehbaren Merkmale eines schlichtweg unbegrenzten babylonischen Götzenkults an.

"Genialer Führer"
In nur einer einzigen Rede eines Parteisekretärs wurde Stalin nacheinander „genialer Führer der proletarischen Revolution“, „Inspirator und Organisator des Sieges des Sozialismus“, „höchster Genius der Menschheit“, „erfahrener proletarischer Befehlshaber“, „genialer Theoretiker und Organisator des Aufbaus von Kolchosen“ und „genialer Führer der Werktätigen der ganzen Welt“ genannt. Eine andere, von Stalin gehaltene Rede wurde auf acht Schallplatten aufgenommen, wobei die achte und letzte allein mit dem Beifallklatschen bespielt war.

Im ganzen Land setzte sich der Brauch durch, dass bei Reden allein schon die Nennung von Stalins Namen mit lang anhaltenden stehenden Ovationen begleitet wurde. Als ein alter Mann einmal nicht länger stehen konnte und es wagte, sich noch während des Beifalls hinzusetzen, sah er sich am nächsten Tag verhaftet.

Je näher sein sechzigster Geburtstag im Dezember 1939 rückte, umso dichter füllten sich die Straßen, Plätze und Schaufenster mit Stalin-Bildern, -Büsten und -Denkmälern. Stalin, der selbst öffentlich immer weniger präsent wurde, war auf Schritt und Tritt in Gips, Zement, Stahl oder Marmor gegenwärtig. Er begegnete dem Schüler auf dem Weg zur Schule, dem Soldaten beim Verlassen der Kaserne und dem Liebespaar im Park, er war überall und allgegenwärtig, er sah, wusste, überwachte und kontrollierte alles, er war der Übervater, unfehlbar, unsterblich, gottähnlich, absolut und total.

Der Stalinkult und das in der Verfassung von 1936 verordnete Nationalempfinden verschmolzen jetzt zu einem Ganzen. Die Liebe zur Heimat, die Verehrung ihres ersten Sohnes und die Unterwerfung unter die KPdSU bildeten in dem neuen sowjetischen Wertekosmos aus Stalin, Partei und Vaterland eine unangefochtene, nachgerade heilige Dreifaltigkeit. Die Wissenschaftler an den Universitäten wiesen nach, dass Stalins Art, sich zu artikulieren, die russische Sprache in ihrer reinsten und vollkommensten Form repräsentierte. Er war gleichsam die Verkörperung der Sowjetunion.

Bald galt er als der beste Kenner Hegels(!), Kants (!) und Aristoteles’ (!), nicht zu reden von seiner eigentlichen Domäne, dem Marxismus-Leninismus.

Der Kurze Lehrgang
Es erscheint zynisch und war zeitlich sicher kalkuliert, dass Stalin im Frühjahr 1938, also während des letzten Schauprozesses, die Arbeiten an einem Buch über die Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion abschloss, das meist mit seinem Untertitel als „Der Kurze Lehrgang“ genannt und zitiert wurde.

Auch wenn von Stalin persönlich nur 32 der 440 Druckseiten stammten, wurde der objektive Geschichtsverlauf eklatant verfälscht und zurechtgebogen: Demnach hatte Lenin nur einen einzigen Schüler, Vertrauten und Freund, mit dem er zusammen die Oktoberrevolution und den Aufbau der Sowjetunion gegen die anderen Bolschewisten durchgesetzt hat, die alle „Abtrünnige“, „Verräter“ und „Agenten des Imperialismus“ gewesen waren: Dieser Freund war Stalin. Der Kurze Lehrgang ist letztlich die Rechtfertigung des Großen Terrors auf dem Papier.


Literatur: Klaus Kellmann: Stalin. Eine Biographie, Darmstadt 2005 (Primus Verlag)

Donnerstag, 19. Februar 2015

Helmut Schmidt und die Demokratie

Zwar trägt das Buch den Titel „Ausser Dienst“, jedoch lässt Helmut Schmidt keinen Zweifel: „Wenn es um Prinzipien der Politik und der Moral geht oder um das eigene Gewissen, dann ist man niemals außer Dienst.“

Helmut Schmidt (*1918)
Helmut Schmidt zählt zu den großen Figuren der deutschen Politik, über die Parteigrenzen hinweg verkörpert er für viele Deutsche den idealen Staatsmann schlechthin. 25 Jahre nach dem Ende seiner Amtszeit als Bundeskanzler zieht er nun Bilanz – und er äußert sich gewohnt deutlich zu zentralen Fragen unserer Zeit.

Schmidt beschreibt die historischen Entwicklungen seit dem Ende des Kalten Kriegs, die Zeit nach seinem Ausscheiden aus dem Kanzleramt, er macht sich sehr konkrete Gedanken über die gegenwärtige Politik und die Zukunft Deutschlands, und er spricht über sehr Persönliches: über prägende Kriegserfahrungen, über eigene Fehler und Versäumnisse, seinen Glauben und das Lebensende. Der Abschnitt „Demokratie bleibt Menschenwerk“ gibt Auskunft über Schmidts Verständnis von Demokratie, der „bei weitem besten Regierungsform, die wir kennen.“

Weil aber die Deutschen in der Demokratie nicht sonderlich erfahren sind – „die Mehrheit der Deutschen wandte sich innerlich erst im Laufe der fünfziger Jahre der parlamentarischen Demokratie zu“ – neigen viele dazu, ihre Schwächen als Kennzeichen prinzipieller Unzulänglichkeit anzusehen. Dabei müsse man erst noch lernen, daß die Demokratie überall auf der Welt mit Versuchungen, Defiziten und Irrtümern behaftet ist: „Entscheidend ist am Ende – nach einem Wort von Karl Popper–, daß die Regierten ohne Gewalt und Blutvergießen, allein mit ihrer Stimme in einer Wahl die Regierung auswechseln können und daß die regierenden Politiker und die sie tragenden Parlamentsabgeordneten, um wiedergewählt zu werden, sich vor den Regierten verantworten müssen.“

Schmidt zufolge entspringen die Mißverständnisse, denen der demokratische Prozeß in Deutschland vielfach unterliegt, oft irrealen Idealvorstellungen. So sei die gesellschaftliche Entwicklung weder, wie Marx meinte, ausschließlich durch den Gegensatz von Kapital und Arbeit beherrscht, noch dürfe sie, wie die Liberalen fordern, allein „dem Markt“ überlassen bleiben. Viele Probleme und Konflikte bedürfen daher des Eingreifens des Staates – und damit der Politik.

Politik als Eingriff des Staates ist notwendig und gefährlich zugleich!

Die Gefahr dabei ist, dass die gesetzgeberischen Eingriffe der Politiker und die von ihnen geschaffenen Aufsichtsinstanzen können aber auch zu weit gehen. Die staatliche Exekutive, die durch Beamte und Bürokratien ausgeübt wird, neigt in einem zu hohen Maße zur Paragraphen-Gläubigkeit.

Einerseits ist der heutige Wohlfahrtsstaat für Schmidt „die größte kulturelle Leistung des 20. Jahrhunderts“, andererseits zeigt der bloße Umfang des deutschen Sozialgesetzbuches, daß wir einer Regulierungssucht anheimgefallen sind: „Von 1990 bis 2006 hat der Bundestag 2360 neue Gesetze beschlossen; dabei sind Gesetzesänderungen nicht mitgezählt. Kein noch so tüchtiger Jurist kann diese Gesetzesflut überblicken.“

Es sei ein weitverbreiteter Irrtum zu glauben, aus zusätzlichen Gesetzesparagraphen resultiere ein immer höheres Maß an Gerechtigkeit: „Im Gegenteil, die Gesetzesflut führt nicht nur zu bürokratischer Erstarrung, sie verleitet außerdem zu Umgehungen und Manipulationen der neuen Bestimmungen, zu Korruption und Schwarzarbeit. Allzu scharf macht schartig, sagt ein norddeutsches Sprichwort. Deshalb sollte es nicht der Ehrgeiz eines Politikers sein, in einem bestimmten Gesetz einen bestimmten Paragraphen durchgesetzt zu haben; sondern im Gegenteil verdient derjenige öffentliche Anerkennung, der die Abschaffung eines zu weit gehenden Gesetzes oder wenigstens eine erhebliche Vereinfachung zustande bringt.“

Die Bürokratie - einer der Gefährdungen der Demokratie!

Daher gehört Schmidt zufolge die Einschränkung des liberalen Rechtsstaates durch eine überbordende staatliche Bürokratie zu den ständigen Gefährdungen von Demokratie und Rechtsstaat.

Jede Demokratie unterliege natürlich Stimmungen und Stimmungswechseln. Dabei spielen die Massenmedien eine zunehmend brisante Rolle: „Im alten Athen oder in Rom waren Politiker vor allem auf die Wirksamkeit ihrer Reden angewiesen. Zu Zeiten von Jefferson oder Disraeli oder Bismarck wurden politische Auseinandersetzungen in Zeitungen, Zeitschriften und Büchern ausgetragen. Heutzutage hat das Fernsehen längst das Radio abgelöst, und für viele jüngere Menschen ist inzwischen das Internet zur wichtigsten Informationsquelle geworden. Diese elektronischen Medien sind heute die wichtigsten Verbreiter und Verstärker von Stimmungen. Sie sind häufig genug auch deren Urheber.“

Massenmedien in der Demokratie?
Wenn aber Medienkonzerne Massenstimmungen erzeugen, dann tun sie dies Schmidt nach überwiegend aus zwei Motiven. Zum einen verfolgen sie damit politische Zwecke, indem sie die politische Gesinnung ihres Eigentümers verbreiten, zum anderen sind die Massenmedien in erheblichem Maße auf die Einnahmen aus bezahlten Anzeigen oder bezahlter Werbung angewiesen: „Weil diese Einnahmen von der Auflage oder der Einschaltquote abhängen, sind hohe Auflagen, Einschaltquoten und Reichweiten für den wirtschaftlichen Erfolg eines Massenmediums entscheidend. Je mehr Sensationen und Emotionen ein Chefredakteur oder ein Intendant ausstrahlen läßt, desto besser für die Reichweite (…) Daraus ergibt sich zwangsläufig die Tendenz zur Sensation, ebenso zur Verflachung und zur Oberflächlichkeit.“ Und gerade deshalb „brauchen wir einen unabhängigen, kritischen Journalismus.“

Zwar seien sich die Deutschen über die dem Grundgesetz zugrunde liegenden Grundwerte - die Würde des Menschen, das demokratische Prinzip, das Prinzip des Rechtsstaates und das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit - weitgehend einig, dennoch wird man über die konkrete Gestaltung immer wieder streiten und streiten müssen. Die Debatte macht schließlich „die Substanz und das Wesen demokratischer Politik“ aus. „Es wäre ein Irrtum, schlimmer noch: ein Fehler, die Demokratie zum reinen Ideal zu erheben. Demokratie bleibt menschlich – oft allzu menschlich.“

Transparenz - Grundlegend für die Demokratie!

Entscheidend ist für Schmidt daher die hohe Bedeutung des Prinzips der Durchsichtigkeit staatlichen Handelns, „denn ohne Transparenz haben Wahlen (oder auch Volksentscheide) keinen Sinn. Das Prinzip der Gewaltenteilung allein reicht nicht aus, vielmehr müssen in der Demokratie alle drei Gewalten dem Prinzip der Transparenz unterworfen sein. Das ihm zustehende Grundrecht der Meinungsfreiheit wäre für den Bürger nicht viel wert, wenn sein Prozeß vor einem Gericht im geheimen verhandelt würde, wenn sein Parlament unter Ausschluß der Öffentlichkeit tagen und beschließen oder seine Regierung mit Hilfe geheimer Dekrete und geheim operierender Organe handeln würde.“

Für Schmidt steht außer Frage, dass jede Demokratie anfällig ist und bleibt. Deshalb sollte die Demokratie in unseren Schulen und in den Massenmedien nicht als fleckenloses Idealgebilde vorgestellt werden, sondern lediglich als die beste aller Regierungsformen: „Wer sie übermäßig idealisiert, läuft Gefahr, daß er andere, die zunächst allzu gläubig sind, einer späteren bösen Enttäuschung aussetzt – und daß die Enttäuschten sich zu Anti-Demokraten wandeln.“

Auch wenn Schmidt der Überzeugung ist, dass für das 21. Jahrhundert eine ernste Gefährdung der Demokratie im wiedervereinigten Deutschland nicht zu befürchten ist, könnten wir dennoch Mißverständnissen der parlamentarischen Demokratie ausgesetzt sein, die später zu Enttäuschungen führen.

Zum einen warnt Schmidt vor der „Versuchung zur grundgesetzlichen Perfektion.“ So haben die USA beispielsweise ihre Verfassung in den über zwei Jahrhunderten seit 1787 genauso oft ergänzt wie Deutschland in dem halben Jahrhundert seit 1949. In Deutschland müsse man daher noch lernen, „daß unsere offene Gesellschaft in ihrer Entfaltung nicht durch immer neue staatliche Regeln und Regulierungen und Institutionen behindert und eingeengt werden darf.“

Zum anderen warnt Schmidt davor, „das Instrument von Volksabstimmungen auszuweiten, denn „je komplizierter und schwieriger eine zur Entscheidung anstehende Frage ist, um so eher kann ein Volksentscheid stimmungsabhängig zum Fehlentscheid werden.“ Während eine Wahl wie etwa die Bundestagswahl eine sehr allgemeine Richtungs- und Tendenzentscheidung für mehrere Jahre bedeutet, will der Volksentscheid eine konkrete Festlegung in einer einzigen Frage. Ein Politiker, der sich für einen Volksentscheid einsetzt, berufe sich gern darauf, daß es eine höhere demokratische Autorität oder Legitimität gebe als die parlamentarische Entscheidung; oft verfolge er damit aber nur innen- oder parteipolitische taktische Interessen.
 
Auch Volksabstimmungen haben ein Janusgesicht!

So spricht sich Schmidt schließlich dafür aus, dass „wir in Deutschland bei unserer inzwischen recht gut eingeübten repräsentativen, das heißt parlamentarischen Demokratie bleiben sollten.“


Zitate aus:  Helmut Schmidt: Außer Dienst: Eine Bilanz, München 2008 (Siedler) 

Donnerstag, 12. Februar 2015

Lord Acton und der liberale Katholizismus

Vaticanum I (1869-1870)
Die Antwort der Katholischen Kirche auf die zunehmende Säkularisierung des Staates und der Gesellschaft im 19. Jahrhundert war die Hinwendung zu reaktionären Positionen. Das Erste Vatikanische Konzil führte nicht nur harsche Angriffe gegen den Liberalismus den Rationalismus und die Demokratie, es war jedoch vor allem die Doktrin von der Unfehlbarkeit des Papstes in innerkirchlichen Angelegenheiten, die schließlich auch Gegenkräfte hervorrief, die ihr Ziel darin sahen, Katholizismus und modernen säkularen Staat miteinander zu versöhnen.

Zu diesem Kreis gehörte auch John Emerich Edward Dalberg-Acton, Lord Acton (1834-1902), der in einem Brief an den liberalen Premierminister William eine Eindrücke und Gedanken zum Konzil - dem Acton übrigens persönlich beiwohnte - niederschrieb. In einem Brief an den Bischof Mandel Creighton vom April 1887 wird Acton dann seine Prämisse in dem Distum zusammenfassen, das ihn berühmt gemacht hat: „Power tends to corrupt, and absolute power corrupts absolutely“ („Macht korrumpiert, absolute Macht korrumpiert absolut").

Lord Acton (1834-1902)
Acton ist sich dessen bewusst, dass der Katholizismus, „der mit den Autoritäten verbunden wird“, und der Katholizismus, „der mit der Freiheit verbunden wird“, eher selten in einem harmonischen Verhältnis zueinander standen. „Die Leute sagten, dass wir die Freiheit für uns reklamierten, wo wir schwach waren, und dass wir sie verweigerten, wo wir stark waren; dass unsere Liberalität nur provisorisch war – eine Zweckmäßigkeit, die man annehmen oder abschaffen könne, wie es gerade den Absichten entspräche; dass wir liberal seien, wo es unseren Interessen nutze, aber illiberal aus Prinzip.“

Einerseits kann Acton nun beobachten, dass „die althergebrachte Verflechtung des Katholizismus mit den Mächten dieser Welt – mit Staatspatronage und politischen Privileg mit großer Geschwindigkeit in ganz Europa [zerbirst]“, andererseits sieht er darin eine überaus positive Entwicklung: „Es ist besser, wenn die Menschen ihren Begriff vom Katholizismus aus jenen Ländern gewinnen, in denen die Priester hingebungsvolle Missionare unter den bescheiden lebenden Armen sind und keine, die die Vorteile einer etablierten Kirche genießen.“

Natürlich ließe sich der Gegensatz zwischen Kirche und Welt niemals vollständig überwinden, aber gerade deshalb will Acton deutlich machen, „dass sich unsere Ansprüche auf Prinzipien gründen, die alle wahren Menschen anerkennen, dass wir nichts Parteiisches oder Ausgrenzendes erstreben.“

Religionsfreiheit ist kein Gelegenheitsprodukt
Im Hinblick auf die Bestimmung des Verhältnisses zwischen Staat und Kirche kommt Acton daher zum Schluss, dass die „Freiheit der Religion … nicht ein Gelegenheitsprodukt flüchtiger Verquickungen …keine bloße Nützlichkeitserwägung [ist], sondern … einer der Hauptzwecke, derentwillen die bürgerliche Gesellschaft existiert, weil die Freiheit das Medium religiöser Wahrheit ist.“

So argumentiert Acton, dass „ein Staat auf die Religion zum Erhalt der sozialen Tugenden nicht verzichten [kann].“ Vielmehr sei eine religiöse Unterweisung in den Schulen notwendig, weil „dadurch „sowohl eine Pflicht gegenüber der Gesellschaft als auch der Kirche erfüllt wird, die keine andere Maschinerie so leisten könnte.“

Aus diesen gründen ist die Ausbringung des Dekrets zur Unfehlbarkeit des Papstes in höchstem Maße kontraproduktiv. „Der Papst hat sich nunmehr mit der extrem ausgerichteten Partei identifiziert. Das Vorrecht der Irrtumslosigkeit und Unfehlbarkeit in allen Moralfragen, das heißt in allen Gewissensfragen, gibt dem Papst die völlige Kontrolle über das Handeln von Katholiken in Politik und Gesellschaft.“

Papst Pius IX (1792-1878)
Weil die Katholiken durch das Dogma nicht nur an den Willen des gegenwärtigen und der zukünftigen Päpste gebunden werden, sondern auch an den früherer Päpste, werden sie gezwungen, beispielsweise das System der Inquisition oder „jegliche andere kriminelle Praxis oder Idee“ früherer Zeiten zu billigen, „sie müssen mit einem Schlag unversöhnliche Feinde aller bürgerlichen und religiösen Freiheit werden. Sie müssen sich zu einem falschen System der Moral bekennen … Sie werden in Schule und Staat zur Gefahr für die zivilisierte Gesellschaft.“

Auch wenn religiöse Irrtümer eine erstaunliche Lebenskraft besitzen, Acton ist überzeugt davon, dass sich die göttliche Wahrheit nicht auf lange Sicht mit dem blasphemischen Irrtum der Irrtumslosigkeit verbinden lässt: „Ich hoffe es wird uns gelingen, die Kirche vor diesem Unheil zu bewahren. Aber das Papsttum wird kaum mehr jene Schuld und Sühne abwenden und die moralische Autorität, die es zuvor genoss, wieder erlangen können.“


Zitate aus: Detmar Doering: Kleines Lesebuch über Freiheit und Religion, Argumente der Freiheit, Band 31, FNS Für die Freiheit, Berlin 2013  -  Weitere Literatur:  Alexander Dörrbecker (Hrsg.): Geschichte und Freiheit. Ein Lord-Acton-Brevier, Zürich 2010 (NZZ Libro)  -  Roland Hill: Lord Acton. Ein Vorkämpfer für religiöse und politische Freiheit im 19. Jahrhundert, Freiburg 2002 (Herder)  -  Zur Homepage des Acton Institute for the study of religion and liberty  -  Die wichtigsten Schriften Actons finden sich auch in „The Online Library of Liberty“


Donnerstag, 5. Februar 2015

Die Antike und der Humor

Das Stichwort „Humor“ wird man in den renommierten Lexika zur Literatur der Antike meist vergeblich suchen. „Humor“, insbesondere dann, wenn er in derb-zotiger Form auftritt, scheint für gelehrte Gemüter wohl nicht in das idealistische Bild des Altertums mit seinen hehren „klassischen“ Zügen zu passen.

Es wäre jedoch ein Irrtum, wolle man daraus die These ableiten, es hätte in der Antike keinen Humor gegeben. Das Gegenteil ist der Fall. Die kleine Anthologie „Humor in der Antike“ will daher „auf unterhaltsame Weise versuchen, dieses klassizistische Fehlurteil ein wenig zu revidieren, indem sie die heitere, fröhliche Seite unseres kultur- und geistesgeschichtlichen Erbes aus dem Altertum beleuchtet und vornehmlich literarische Texte präsentiert, die die Einbettung des Humorvollen in die Lebenswirklichkeit des antiken Menschen veranschaulichen.“

Natürlich sind Witz und Spott, Heiterkeit und Lachen aus der griechisch-römischen Zivilisation und ihrer literarischen Produktion nicht wegzudenken. Es ist bis heute ein unverzeihlicher Fehler, wenn Latein- und Griechischschüler nur mit den ehrwürdigen Schriften eines Cicero, Caesar, Sophokles, Platon oder Thukydides konfrontiert werden. Es stünde daher einem modernen Humanismus gut, „den Humor als genuinen Ausdruck spezifisch menschlicher Gefühlswelt und Lebensbewältigung deutlich stärker zu berücksichtigen, um nicht zu sagen: ihn ernster zu nehmen.“

Neben kleinen Anekdoten über große Leute oder antiken Graffiti und Inschriften finden sich hier auch Beispiele aus der Witzsammlung des Philogelos, einige Glanzstücke antiker Epigrammatik, Auszüge aus dem „Das Gastmahl des Trimalebio“, aber auch Stellen aus Werken bekannter antiker Autoren wie Homer, Aristophanes, Theophrast, Plautus, Horaz, Ovid, Juvenal, Seneca, Lukian und Apuleius.

Possenszene aus der Antike: Der Geizkragen auf der Schatztruhe
(Altes Museum, Berlin, Foto: Paideia)

Schon bei den Griechen stand die Komödie als heiteres Pendant neben der ernsten Tragödie – als selbstverständlicher Teil nicht nur des Unterhaltungswesens, sondern zunächst auch des Kultes: „Der zotig-aggressive Humor der Alten Komödie als besondere Artikulation von Gottesdienst - das schien den Griechen eine durchaus angemessene Hommage an ein Mitglied ihrer Göttergemeinschaft.“

Einige Kostproben:

„Die kynischen Philosophen hielten sich viel auf ihre Bedürfnislosigkeit zugute. Das Wenige, das sie zum Lebensunterhalt benötigten, erbettelten sie. Einst trat der Kyniker Thrasyllos zum makedonischen König Antigonos und bat ihn um eine Drachme. `Das ist kein Geschenk, das einem König entspricht´, lehnte Antigonos ab. `Dann gib mir eben ein Talent´, erwiderte Thrasyllos. `Tut mir Leid´, erhielt er zur Antwort, `aber das ist kein Geschenk, das einem Kyniker entspricht!´“ (Anekdote, Plutarch, Moralia 1 82 E).

„König Antiochos erfuhr, sein Sohn Demetrios fühle sich nicht wohl; er habe sich deshalb zurückgezogen. Der König machte sich Sorgen und entschloss sich, den Kranken zu besuchen. Als er sich seiner Haustür näherte, kam gerade ein hübscher Lustknabe heraus. Antiochos ging ins Haus, trat ans Bett seines Sohnes und fühlte seinen Puls. `Das Fieber hat mich gerade verlassen´, stotterte Dernetrios verlegen. `Ich weiß schon, mein Sohn´, erwiderte der König lächelnd, `es ist mir gerade vor der Tür begegnet.´ (Anekdote, Plutarch, Demetrios 19).

Kalkulierte Schamlosigkeit gehörte für den Philosophen zu seinem Kampf für mehr Ursprünglichkeit und gegen zivilisatorische Fesseln. Dazu gehörten auch bissige Bemerkungen: „Als der Sohn einer stadtbekannten Prostituierten einen Stein in eine Menschenmenge warf, ermahnte ihn Diogenes: `Vorsicht! Pass auf, dass du nicht zufällig deinen Vater triffst!´“ (Anekdote, Diogenes Laertios 6,62).

„Zu  einem übel gelaunten Arzt kam jemand und sagte: `Meister, ich kann weder liegen noch stehen und auch nicht sitzen.´ Worauf der Arzt ihm entgegnete: `Dann bleibt dir nichts anderes übrig, als dich aufzuhängen.´“ (aus der Sammlung des Philogelos, Nr. 183).

„Ein Mann mit stinkendem Atem begegnete einem Arzt. `Sieh, Herr´, sagte er, `mein Zäpfchen hat sich gesenkt´, und er machte seinen Mund weit auf. Der Arzt wandte sich ab und sagte: `Nicht dein Zäpfchen hat sich gesenkt, sondern dein Arschloch hat sich gehoben!´“ (aus der Sammlung des Philogelos, Nr. 235).

"Beste Grüße! Wir sind voll wie die Schläuche!" - "Solange ich lebte, trank ich gern. Trinkt auch ihr, die ihr noch lebt!" - "Wenn einer trinkt, ist ihm alles andere wurscht!" - (Graffitis aus Pompeji, Corpus Inscriptionum Latinarum IV 8492 - Ill 293 - IV 1831).
 
Ein Zecher übergibt sich nach einem Gelage,
sein Kopf wird dabei von einem Sklavenjungen gestützt.
(Altes Museum, Berlin - Foto: Paideia)

"Wir haben ins Bett gepinkelt. Ich geb's zu, Wirt, das war nicht fein. Fragst du, warum? Es war kein Nachttopf da." (Kritzelei an der Wand einer Taverne in Pompeji, Corpus Inscriptionum Latinarum IV 5244).

Ich schließe mich hier dem Urteil von Andreas Thierfelder an, der ein ausgewiesene Fachmann für Humor und Witz, Komik und Komödie der Antike war: „Auf die Gefahr hin, für geistig anspruchslos zu gelten, wage ich das Urteil, dass ein großer Teil der Witze gar nicht so übel ist …“

Zitate aus: Karl-Wilhelm Weeber: Humor in der Antike, Stuttgart 2006 (Reclam)