Donnerstag, 20. Februar 2014

Hannah Arendt und der "Massenmensch"

Hannah Arendt (1906 - 1975)
Ihr Ideal vom Menschen beschreibt Hannah Arendt in ihrem Werk „Vita activa. Vom tätigen Leben“. Darin erläutert sie überzeugend, dass die Grundtätigkeiten des Arbeitens und des Herstellens zwar notwendige Bedingungen des Menschseins sind, dass aber die Verwirklichung eigentlichen Menschseins erst durch das Handeln im öffentlichen Raum des Politischen geschieht.

Erst das Handeln ermöglicht die „höchste Erfüllung des Menschseins“. Handeln ist hier stets ein politisches Handeln. „Der `öffentliche Raum´ steht für jenen Lebensbereich, in dem Individuen einander aus persönlicher Freiheit begegnen und ein `Miteinander´ von Einzelpersonen konstituiert wird.“

Unter der Prämisse der von Arendt verteidigten Verschiedenheit und Pluralität menschlicher Entwürfe lässt sich politisches Handeln nur dann verwirklichen, wenn verschiedene Individuen ihre kreativen Gedanken in gemeinsame Bemühungen um das Gemeinwohl einbringen. Das Vorbild dafür entdeckt Arendt in der antiken griechischen Polis.
 
Politisches Handeln unter der Prämisse von Verschiedenheit und Pluralität

Für Arendts Ideal vom Menschen ist weiter entscheidend, dass Denken und persönliche Lebenspraxis miteinander verschränkt werden. „Der Mensch mit der erweiterten Denkungsart ist keine passive und konfliktscheue Person, die private Abkapselung oder Anonymität in der Masse einem aktiven Leben vorzieht. Er ist stets bereit, sich in seiner `personalen Einmaligkeit´ in das `Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten´ einzubringen. Er besitzt Mut, sich öffentlich zu engagieren und `sich selbst zu exponieren´. Im `öffentlichen Raum´ der Politik übernimmt er Aufgaben, weil er in der Politik kein ablehnenswertes, schmutziges Geschäft oder populistisches Showgeschäft sieht.“

So bietet Politik für Arendt vielmehr die Chance, bei der Gestaltung des Gemeinwohls mitzuwirken und einen Beitrag für die stets von neuem erforderliche Konstitution von individuellen Freiheitsspielräumen und gesellschaftlichen Gleichheitsbedingungen zu leisten.

In krassem Gegensatz zu diesem skizzierten Ideal steht die Feststellung Arendt, dass sich die Menschheit in einer tiefen Krise befindet. Im Rahmen ihrer Analyse der Strukturen totalitärer Herrschaftssysteme stößt sie auf einen Menschentyp, dessen Mentalität, Eigenschaften und Handlungen bei der Entstehung und beim zeitweiligen Funktionieren von totalitärer Herrschaft eine entscheidende Rolle spielen: das „vermasste Individuum“ oder der „Massenmensch“.
 
Die Masse - ein gesichtsloses Kollektiv

In ihrem Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ definiert Arendt den Begriff „Masse“ folgendermaßen: „Der Ausdruck `Masse´ ist überall da anzutreffen, und nur da, wo wir es mit Gruppen zu tun haben, die sich, entweder, weil sie zu zahlreich oder weil sie zu gleichgültig für öffentliche Angelegenheiten sind, in keiner Organisation strukturieren lassen, die auf gemeinsamen Interessen an einer gemeinsam erfahrenen und verwalteten Welt beruht (…) Potentiell existieren sie in jedem Lande und zu jeder Zeit; sie bilden sogar zumeist die Mehrheit der Bevölkerung auch sehr zivilisierter Länder, nur dass sie eben in normalen Zeiten politisch neutral bleiben und sich damit begnügen, ihre stimmen nicht abzugeben und den Parteien nicht beizutreten.“

Dieser sozial und ideologisch bindungslose  Massenmensch, der sich der Teilnahme am öffentlichen Geschehen der Politik verweigert, stellt für Arendt eine immense Gefahr für jedes pluralistisches und  demokratisches Gesellschaftssystem dar.

Es sind vor allem die mentalen Eigenschaften und Verhaltensweisen des „Massenmensches“, die ihn zu einer latenten Gefahr machen: „Der Glaube an Verschwörungstheorien, naiver Glaube an die Unfehlbarkeit von politischen Führungspersönlichkeiten, Bereitschaft zur Denunzierung von Mitbürgern und auch von Verwandten um der eigenen politischen Bewegung und Ideologie willen, die Bereitschaft zur Selbstaufopferung um der eigenen politischen Bewegung  willen, Spießermentalität, Radikalismus, Aktivismus und Kriegsenthusiasmus, die zynische Überzeugung, Politik sei ein Spiel des Betrügens und deswegen sei Lügen erlaubt, ja sogar gewünscht.“

Hinter diesen Einstellungen sieht Arendt die Sehnsucht nach der Flucht in eine fiktive Welt der Geborgenheit in einer „Massengemeinschaft“, wie sie beispielsweise durch politische Bewegungen repräsentiert wird.

So führen die anthropologischen Überlegungen Arendt direkt zu dem Kern des Problems, das sie mit folgenden Worten beschreibt: „Man hat immer wieder bemerkt, dass totalitäre Bewegungen sich der demokratischen Freiheiten bedienen, um dieselben abzuschaffen. Hinter diesem Spiel, das trotz aller Proteste immer wieder erfolgreich gespielt wird, sobald sich eine prätotalitäre Atmosphäre eines Landes bemächtigt hat und die totalitären Bewegungen eine gewisse Stärke erreicht haben, steckt weder eine überlegende Schlauheit auf seiten totalitärer Führer noch eine hoffnungslose, durch keine Erfahrungen zu belehrende Torheit und Schwäche demokratischer Politiker.

Prätotalitäre Atmosphäre in Katalonien (Spanien): Eine Nation (= die Països Catalans!) - Eine Sprache (= das Katalanische!) ... es fehlt nur noch der Führer ...

Demokratische Freiheiten gründen sich zwar auf der Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz; aber diese Gleichheit hat nur dann einen Sinn und kann nur dort funktionieren, wo die Bürger zu bestimmten Gruppen gehören, in denen sie repräsentiert werden können, oder wo sie innerhalb einer sozialen oder politischen Hierarchie leben.“ Gleichheit vor dem Gesetz mache also nur dort Sinn, wo eine pluralistische Gesellschaft vorhanden ist, in der eben gerade nicht „gleiche“, sondern beispielsweise durch Geburt oder Beruf  „ungleiche“ Menschen leben.

Unter den Bedingungen einer Massengesellschaft jedoch verlieren die demokratischen Institutionen wie die demokratischen Freiheiten ihren Sinn.

Zitate aus: Hannah Arendt: Vita activa oder Vom tätigen Leben, München 2010 (piper)   -   Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, München 2009 (piper)   -   Kurt Salamun: Wie soll der Mensch sein? Philosophische Ideale vom `wahren´ Menschen von Karl Marx bis Karl Popper, Tübingen 2012 (Mohr Siebeck)



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