Donnerstag, 1. August 2013

Sunzi und die Kunst des Krieges


„Der Krieg ist für jeden Staat ein Ereignis von großer Bedeutung. Er ist der Ort, der über Leben und Tod entscheidet, er ist der Weg, der das Überleben sichert oder in den Untergang führt. Unumgänglich ist es, ihn eingehend zu untersuchen.“

Sunzi (ca 544 - ca. 496 v. Chr.)
Das Buch „Die Kunst des Krieges“ von Sunzi ist der älteste erhaltene Traktat, der sich ausschließlich mit dem Phänomen des Krieges, seinen Strategien und Taktiken, seinen Regeln und Listen, seinen moralischen und politischen Implikationen, seinen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen befasst.

Als wichtige philosophische Schrift wendet sich die „Kunst des Krieges“ schließlich viel weiter gefassten Themen wie der Beziehung zwischen Herrscher und Untertan und den Strukturen des menschlichen Zusammenlebens zu.

Insofern ist das Grundanliegen des Traktates nicht nur die Vermittlung militärischer Regeln, sondern vor allem auch die Warnung vor der Hydra des Krieges mit allen seinen wiederkehrenden Grausamkeiten.

So mag es zunächst überraschen, dass Sunzi zufolge List und Täuschung eine wichtige Grundlage jeder militärischen Strategie bilden sollen. Auch wenn der Begriff „List“ heutzutage vorwiegend negativ verwendet wird, so steht er ursprünglich für eine wichtige Tätigkeit des Verstandes und ist mit Wörtern wie lehren, lernen und leisten verwandt. So wie der „listenreiche Odysseus“ aufgrund dieser Fähigkeiten verehrt wurde, so werden auch List und Klugheit von Sunzi propagiert, weil sie die bewaffnete Auseinandersetzung überflüssig machen, also größeren Schaden abwenden können.

Das Bemühen um Verständnis ist immer auch der erste Schritt auf dem Weg zur Verständigung, dient also letztlich der Vermeidung und dem Abbau politischer wie auch militärischer Konflikte:

„Wer die Gedanken der vorliegenden Schrift genau studiert und mit abendländischen Vorstellungen vom Krieg als Vater aller Dinge (Heraklit) oder der unaufhaltsamen Eskalation der Gewalt bei Clausewitz vergleicht, wird in Meister Sun einen vergleichsweise menschenfreundlichen Theoretiker erkennen, der den Sieg am höchsten einschätzt, der ohne militärischen Einsatz errungen wird, der wiederholt vor der Zerstörung des gegnerischen Territoriums und der Vernichtung der feindlichen Truppen warnt und der jeden Krieg so bald wie möglich beendet sehen möchte“ (87f).

Sunzi lebte in der Zeit der ausgehenden Zhou-Dynastie, in der sogenannten Frühlings- und Herbstperiode (770 – 476 v.Chr.). Die gesamte Zhou-Zeit (1045 – 256 v.Chr.) lässt sich auch als „Zeitalter der Säkularisierung und Rationalisierung beschreiben, als eine allmähliche Abkehr von einer schamanisch-religiös bestimmten Weltsicht zu zunehmend von der Vernunft und dem Streben nach Zweckmäßigkeit geleiteten Verhaltensnormen“ (92). Die Suche nach neuen Wegen und Werten, mit denen die Herausforderungen einer sich rasch verändernden Welt gemeistert werden konnten, ist kennzeichnend für die Zeit, in der das Werk von Sunzi entstand.

Der Anfang des Traktates in einem klassischen Bambusbuch

Das Werk ist kurz und bündig geschrieben, denn Sunzi verzichtet auf lange Argumentationsketten und Begründungen und stellt seine Ansichten eher in der Form von Postulaten und Aphorismen dar. Der Traktat – bestehend aus knapp 6000 Schriftzeichen – ist in 13 Kapitel und 68 Thesen gegliedert:

    I. Die Bewertung der Lage
   II. Die Kriegführung
  III. Die Planung des Angriffs
  IV. Die Formation
   V. Die Schlagkraft
  VI. Die Leere und die Fülle (Schwächen und Stärken)
 VII. Das Gefecht
VIII. Die neun Wechselfälle (taktische Varianten)
  IX. Der Marsch
   X. Die Beschaffenheit des Geländes
  XI. Der Angriff mit Feuer
 XII. Der Einsatz von Spionen

Sunzi ist fest davon überzeugt, dass der Erfolg der militärischen Absichten unweigerlich eintritt, wenn die notwendigen Voraussetzungen sorgfältig genug erfüllt werden: „Der Sieg ist machbar.“

Der Krieg wird in erster Linie nicht als eine materielle, sondern eine intellektuelle Herausforderung beschrieben, deren erste bereits darin besteht, den bewaffneten Kampf, wenn es irgend geht, zu vermeiden.

„Daher ist nicht derjenige der Inbegriff der Tüchtigkeit, der in hundert Schlachten hundert Siege erringt, sondern derjenige, der sich die Truppen des Gegners ohne Kampf unterwirft“ (Kap. III).

Der Ausbruch von bewaffneten Kampfhandlungen ist für Sunzi immer nur ultima ratio, die erst dann legitim wird, wenn alle anderen Mittel versagt haben. Nüchternheit und Besonnenheit werden damit zu den vordringlichsten Qualitäten des Herrschers und Feldherrn.

Im Kampf ist stets die schnelle Entscheidung zu suchen: „Dass ein Staat Nutzen aus einem langwierigen Kampf gezogen hätte, ist noch nie dagewesen“ (Kap. II).

Das Ziel des Kampfes ist nicht die Vernichtung und Zerstörung des Feindes, denn dies würde nicht zuletzt den Wert der Kriegsbeute verringern. Entscheidend aber ist, dass der Feind von heute ein potentieller Verbündeter von morgen sein kann. So habe sich der Feldherr stets vom Prinzip der Unversehrtheit (quan) leiten zu lassen.

Besonderer Wert – und auch darin zeigt sich die Idee vom intellektuellen Charakter des Krieges – hat für Sunzi auch die militärische Aufklärung. Die Beschaffung der notwendigen Informationen mittels des Einsatzes von Spionen nimmt hier großen Raum ein, ohne dass dabei Skrupel erkennbar sind, denn: „Wer sich in der militärischen Aufklärung Versäumnisse zuschulden kommen lässt, wird sogar als `Ausbund an Unmenschlichkeit´ bezeichnet, denn die Folgen dieser Versäumnisse sind unnötige Verluste an Menschenleben und vermeidbare Niederlagen“ (115).

Gleich im Eingangskapitel werden fünf Qualitäten als Anforderungen an einen tüchtigen Feldherren genannt: „Die Führung verkörpert Weisheit, Glaubwürdigkeit, Menschlichkeit, Tapferkeit und Strenge“ (Kap. I). Auch hier zeigt sich der rationale Grundton des Werkes, das die Weisheit an die erste Stelle rückt, weit vor der eher martialischen Tugend der Tapferkeit.

Die Kunst des Krieges

In dem Maße, in dem Sunzi die kühle Umsicht verehrt, verabscheut er jede Art von ungezügelten Gefühlen. Weil diese allzu häufig ins Verderben führen, darf sich der Herrscher oder Feldherr nicht von Zorn oder Rachsucht leiten lassen: „Der Zorn kann nämlich wieder in Freude umschlagen und die Rachsucht sich in Wohlgefallen verkehren, doch ein untergegangenes Reich kann nicht wiederbelebt werden, und die Toten können nicht wieder auferstehen“ (Kap XII).

Gleichwohl ist auch bei Sunzi der Stratege der Herr einsamer Beschlüsse, der seine Pläne den Soldaten gegenüber geheim hält. Sie bleiben Figuren auf dem Schachbrett, die von einem übergeordneten Kopf geführt werden: Um den richtigen Zeitpunkt für das eigene Handeln zu bestimmen, ist die genaue Beobachtung der Natur und die Besonderheiten der Jahreszeiten ebenso von allergrößter Wichtigkeit, wie die Kenntnis der menschlichen Psyche.

Selbstverständlich kennt auch Sunzi angesichts der unendlichen Vielfalt möglicher Konstellationen kein Patentrezept, das den Sieg in jeder Situation sicherstellt, doch zeigt er sich überzeugt, dass am Ende derjenige die Oberhand behält, der sich auf die natürlichen Gegebenheiten eingestellt hat: „Die Formation des Wassers meidet die Höhe und strebt in die Tiefe, und siegreich bleiben die Truppen, indem sie die Fülle meiden und in die Leere stoßen. Das Wasser nimmt seinen Lauf ganz nach der Beschaffenheit des Geländes, die Armee erringt ihre Siege ganz in der Einstellung auf den Gegner“ (Kap. VI).

Fast alle Beobachtungen und Anweisungen für angemessenes Handeln sind Sunzi zufolge nicht auf das militärische Handwerk beschränkt, sondern lassen sich problemlos auch auf allgemeine menschliche Handlungsmuster übertragen. Insofern kann man den Traktat eben auch als zeitloses philosophisches Werk lesen.

„Wer den Gegner kennt und sich selbst, wird in hundert Schlachten nicht in Not geraten“ (Sunzi, Die Kunst des Krieges, Kap III).

Es gehört in diesem Zusammenhang zu den großen zivilisatorischen Leistungen Chinas, das Primat des Zivilen (wen) über das Militärische (wu) zu stellen und so die politische Kontrolle über den Krieg bewahrt zu haben. Der Krieg wurde nicht als Norm, als Normalfall verstanden, sondern als Normverletzung, als letztes Mittel, wenn alle denkbaren politischen Maßnahmen nicht mehr griffen. Eine Verherrlichung militärischer Heldentaten findet sich in der chinesischen Literatur daher eher selten.

Der Zweck des Krieges liegt demzufolge nicht in der Zerstörung des Gegners, sondern in der Beendigung der Kämpfe und der Wiederherstellung der Ordnung.

Zitate aus: Sunzi: Die Kunst des Krieges, Aus dem Chinesischen übertragen und mit einem Nachwort versehen von Volker Klöpsch, Frankfurt a.M. 2009 (Insel Verlag)


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen