Donnerstag, 10. Januar 2013

Jean de La Fontaine und die Arbeit


Jean der La Fontaine
Jean de La Fontaine (1621 – 1695) ist mit Sicherheit der berühmteste Fabeldichter der Neuzeit. Wie andere französische Autoren seiner Zeit lebte und arbeitete er im Umkreis des Hofes des Sonnenkönigs Ludwigs XIV. Seine Beobachtungen über die Menschen und die Gesellschaft verarbeitete er in seinem vielfältigen Werk.

La Fontaine gilt den Franzosen als einer ihrer größten Klassiker. Er schrieb Gedichte, Erzählungen und Romane. Berühmt wurde er jedoch durch seine Fabeln, die in insgesamt 12 Bänden von 1668 bis 1694 erschienen. Einige – wie die folgende Fabel von der Grille und der Ameise – wurden durch den antiken Dichter Äsop inspiriert. Gemeinsam ist beiden Dichtern, dass im Gewand der witzigen und hintergründigen Tiergeschichten die wahren Antriebe der menschlichen Natur entlarvt werden:


Die Grille, die den Sommer lang
zirpt' und sang,
litt, da nun der Winter droht',
harte Zeit und bittre Not:
Nicht das kleinste Würmchen nur,
und von Fliegen eine Spur!
Und vor Hunger weinend leise,
schlich sie zur Nachbarin Ameise,
und fleht' sie an in ihrer Not,
ihr zu leihn ein Stückchen Brot,
bis der Sommer wiederkehre.
»Hör'«, sagt sie, »auf Grillenehre,
vor der Ernte noch bezahl'
Zins ich dir und Kapital.«
Die Ameise, die wie manche lieben
Leut' ihr Geld nicht gern verleiht,
fragt' die Borgerin: »Zur Sommerzeit,
sag doch, was hast du da getrieben?«
»Tag und Nacht hab' ich ergötzt
durch mein Singen alle Leut'.«
»Durch dein Singen? Sehr erfreut!
Weißt du was? Dann tanze jetzt!«


Illustration von Milo Winter (1886-1956)

In der antiken Vorlage des Äsop liest sich die Fabel wie folgt:

„Es war kalter Winter, und Schnee fiel vom Olymp. Die Ameise hatte zur Erntezeit viel Speise eingetragen und ihre Scheuern damit aufgefüllt. Die Grille hingegen kauerte in ihrem Loch und litt gar sehr, von Hunger und arger Kälte geplagt. Sie bat darum die Ameise, ihr von ihrer Speise abzugeben, damit sie davon essen könne und nicht zu sterben brauche. Doch die Ameise sprach zu ihr: „Wo warst du denn im Sommer? Warum hast du zur Erntezeit nicht Speise eingetragen?“ Darauf die Grille: „Ich habe gesungen und mit meinem Gesang die Wanderer erfreut.“ Da lacht die Ameise laut und rief: „So magst du im Winter tanzen!“

Moral: es gibt nichts besseres, als für die notwendige Nahrung zu sorgen und sich nicht bei Tanz und Lust ergehen soll.“

In beiden Versionen der Fabel stehen einander zwei Lebenshaltungen gegenüber, die sich durch ihre Einstellung zur Arbeit unterscheiden:

Sicher ist, dass wir einen großen Teil unseres Lebens mit Arbeit verbringen. Für manche ist sie ein notwendiges Mittel, um den Lebensunterhalt zu verdienen, für andere liegt in der Arbeit Erfüllung und Selbstverwirklichung.

In der Antike wurde die Muße, also die Freiheit vom Zwang der Arbeit höher bewertet als die Arbeit. Vor allem die körperliche Arbeit der „Hand-Werker“ galt als Makel und wurde nur von den niedrigeren sozialen Schichten, den „Banausen“, verrichtet.


Während in der Antike „Muße“ immer auch mit Kreativität verbunden wurde, wird der Begriff, insbesondere in der Variante „Müßiggang“ meist negativ verstanden und meist mit „Faulheit“ gleichgesetzt.

Nun kann man grundsätzlich fragen, in welchem Sinne die eine Arbeit gesellschaftlich nutzlos, eine andere Tätigkeit aber nützlich ist? Ist die gesellschaftliche Rolle eines Künstlers überhaupt mit der eines Geschäftsmannes zu vergleichen? Kann eine geistige und künstlerische Tätigkeit überhaupt als Arbeit aufgefasst werden?

Adam Smith unterschied in seinem Werk „Der Reichtum der Nationen“ bekanntlich zwischen einer „Arbeit, die den Wert eines Gegenstandes, auf den sie verwandt wird, erhöht“ und einer Arbeit, „die diese Wirkung nicht hat. Jene kann als produktiv bezeichnet werden, da sie einen Wert hervorbringt, diese hingegen als unproduktiv“ (272).

Gitarre spielender Harlekin (Picasso, 1918)
Neben dem Stand der Politiker muss man laut Smith noch viele andere Berufe in die Gruppe der unproduktiven Arbeiter einreihen: „Zum einen Geistliche, Rechtsanwälte, Ärzte und Schriftsteller aller Art, zum anderen Schauspieler, Clowns, Musiker, Opernsänger und Operntänzer“ (273.).

Das Urteil von Smith über die unproduktive Arbeit kann nicht klarer und unmissverständlicher sein: „So ehrenwert, nützlich oder notwendig ihr Dienst auch sein mag, er liefert nichts, wofür später wiederum ein gleicher Dienst zu erhalten ist“ (ebd.). 

Natürlich gibt auch Smith zu, dass viele unproduktive Arbeiten direkt und indirekt zur Sicherung und Erhöhung des Lebensniveaus beitragen. Dies gilt selbstverständlich auch für alle „Grillen“ in Bildung, Kultur und Sport. 

Dennoch: Die produktive Arbeit ist und bleibt die Grundlage und Voraussetzung für die Möglichkeit – oder den „Luxus“ – unproduktiver Arbeit. Nur solange es Menschen gibt, die „herstellen, kaufen und verkaufen“, können auch Menschen bezahlt werden, die Geige spielen, tanzen oder singen.


Quellen: Die Grille und die Ameise findet sich im Projekt Gutenberg  -  Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, hg. mit einer umfassenden Würdigung des Gesamtwerkes von Horst Claus Recktenwald, München 2009 (dtv)

Kommentare:

  1. Endlich mal eine richtige Interpretation der Fabel

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  2. ... und dabei ist sie auch nicht schwer zu verstehen.
    Herzliche Grüße
    Paideia

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