Donnerstag, 25. Oktober 2012

Adam Smith und die Arbeitsteilung


Adam Smith
Im Jahre 1776 erscheint „Der Wohlstand der Nationen“ des schottischen Moralphilosophen und Nationalökonomen Adam Smith. Einer der zentralen Angelpunkte seiner Wirtschaftstheorie ist der Gedanke der Arbeitsteilung, den Smith gleich in den ersten beiden Kapiteln des Werkes ausarbeitet. Ohne Arbeitsteilung kann die Produktivität der Arbeit und damit auch der Wohlstand eines Landes nicht gesteigert werden.

Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet „Arbeitsteilung“ die Aufteilung eines Arbeitsprozesses unter mehreren Menschen. Konkret versteht Smith unter Arbeitsteilung die betriebliche Arbeitszerlegung, d.h. die Aufteilung eines einzelnen Produktionsprozesses in verschiedene Teilprozesse, die innerhalb einer einzelnen Produktionsstätte von spezialisierten Arbeitskräften wahrgenommen werden. Während bei der Arbeitsteilung jeder Einzelne nur einen Teil der Arbeitsabläufe übernimmt, führen alle Beteiligten bei der Mengenteilung alle Arbeitsabläufe durch.

Die erhöhte Produktivität, die die Menschen infolge der Arbeitsteilung leisten, hängt Smith zufolge von drei verschiedenen Faktoren ab: „(1) der größeren Geschicklichkeit jedes einzelnen Arbeiters, (2) der Ersparnis an Zeit, die gewöhnlich verlorengeht und (3) der Erfindung einer Reihe von Maschinen, welche die Arbeit erleichtern, die Arbeitszeit verkürzen und den einzelnen in den Stand setzen, die Arbeit vieler zu leisten“ (12).

Diese Spezialisierung bewirkt, dass sich der Arbeiter auf die Teiltätigkeiten des gesamten Produktionsprozesses konzentrieren kann, in denen er besonders produktiv ist. Dies erläutert Smith in seinem bekannten Stecknadel-Beispiel:

„Ein Arbeiter, der noch niemals Stecknadeln gemacht hat, und auch nicht dazu angelernt ist, so dass er auch mit den dazu eingesetzten Maschinen nicht vertraut ist, könnte, selbst wenn er fleißig ist, täglich höchstens eine, sicherlich aber keine zwanzig Nadeln herstellen.

Aber so, wie die Herstellung von Stecknadeln heute betrieben wird, zerfällt sie in eine Reihe getrennter Arbeitsgänge, die zumeist zur fachlichen Spezialisierung geführt haben. Der eine Arbeiter zieht den Draht, der andere streckt ihn, ein dritter schneidet ihn, ein vierter spitzt ihn zu, ein fünfter schlieft das obere Ende, damit der Kopf gesetzt werden kann. Auch die Herstellung des Kopfes erfordert zwei oder drei getrennte Arbeitsgänge. Das Ansetzen des Kopfes ist eine eigene Tätigkeit, ebenso das Weißglühen der Nadel, ja selbst das Verpacken der Nadeln ist eine Arbeit für sich.

Die Herstellung von Stecknadeln ist gar nicht so einfach ...

Um eine Stecknadel anzufertigen, sind somit etwa 18 verschiedene Arbeitsgänge notwendig, die in einigen Fabriken jeweils verschiedene Arbeiter besorgen, während in anderen ein einzelner zwei oder drei davon ausführt.

Ich selbst habe eine kleine Manufaktur dieser Art gesehen, in der nur 10 Leute beschäftigt waren, so dass einige von ihnen zwei oder drei solcher Arbeiten übernehmen mussten. Obwohl sie nun sehr arm und nur recht und schlecht mit dem benötigten Werkzeug ausgerüstet waren, konnten sie zusammen am Tage doch etwa 12 Pfund Stecknadeln fertigen …, etwa 48 000 Nadeln.

Hätten sie indes alle einzeln und unabhängig voneinander gearbeitet, noch dazu ohne besondere Ausbildung, so hätte der einzelne gewiss nicht einmal 20, vielleicht sogar keine einzige Nadel am Tag zustande gebracht“ (9f)

Spezialisierung führt nach Smith nicht nur zu höherer Geschicklichkeit bei der Arbeit, sondern zudem auch zu Ersparnis an Zeit und sie erleichtert den Einsatz und die Erfindung von Maschinen durch den Arbeiter oder Handwerker selbst.

So wird Arbeitsteilung bei Smith zum eigentlichen Motor der Entwicklung, vom Selbstinteresse des Individuums angetrieben und eng verknüpft mit den technischen Fortschritt und den Investitionen.

Spezialisierung und Arbeitsteilung stoßen jeweils dort an ihre Grenzen, wo der Markt nicht mehr ausgeweitet werden kann. Denn ohne Gelegenheit zum Handeln und Tauschen verliert die Steigerung der Produktion ihren wirklichen Sinn (19ff).

Interessant sind auch Smith anthropologische Prämissen, die er im Zweiten Kapitel des Buches erläutert. So sei die Arbeitsteilung, „die so viele Vorteile mit sich bringt, in ihrem Ursprung nicht etwa das Ergebnis menschlicher Erkenntnis, welche den allgemeinen Wohlstand, zu dem erstere führt, voraussieht und anstrebt. Sie entsteht vielmehr zwangsläufig, wenn auch langsam und schrittweise, aus einer natürlichen Neigung des Menschen, zu handeln und Dinge gegenseitig auszutauschen“ (16).

Diese Eigenschaft findet sich nur unter den Menschen gemeinsam, aber nirgends in der Tierwelt. „Niemand hat je erlebt, dass ein Hund mit einem anderen einen Knochen redlich und mit Bedacht gegen einen anderen Knochen ausgetauscht hätte“ (16).

Arbeitsteilung gründet jedoch nicht auf freier Entscheidung. „In einer zivilisierten Gesellschaft ist der Mensch ständig und in hohem Maß auf die Mitarbeit und Hilfe anderer angewiesen …, wobei er jedoch kaum erwarten kann, dass er sie allein durch das Wohlwollen der Mitmenschen erhalten wird“ (16f)

Aus diesem Grund wird der Mensch „sein ziel wahrscheinlich viel eher erreichen, wenn er die Eigenliebe der Mitmenschen zu seinen Gunsten zu nutzen versteht, indem er ihnen zeigt, dass es in ihrem eigenen Interesse liegt, das für ihn zu tun, was er von ihnen wünscht: Gib ir, was ich wünsche, und du bekommst, was du benötigst“ (17).

Denn „nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum Essen brauchen, sondern davon, dass sie ihre eigenen Interessen wahrnehmen. Wir wenden uns nicht an ihre Mensch- sondern an ihre Eigenliebe, und wir erwähnen nicht die eigenen Bedürfnisse, sondern sprechen von ihrem Vorteil“ (17).

Smith übersieht keinesfalls die Gefahren, die mit Arbeitsteilung und Spezialisierung verbunden sind. Er ist sich darüber im Klaren, dass sie zu einer „Entseelung“ bzw. „Monotonie“ der Arbeit oder zur Verdummung des Menschen führen kann, weil durch die Ausübung nur eines einzelnen Handgriffes die geistigen und psychischen Fähigkeiten des Menschen verkümmern. 

Herstellung von Kleineisenzeug (Stiftung Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel)

Der Marxismus wird später diese Auswirkung der Arbeitsteilung zum Zentrum seiner Kapitalismuskritik machen – irrigerweise, weil es auch in der kommunistischen Wirtschaftsordnung Arbeitsteilung und Technik und damit monotone Arbeit an einer Maschine gibt.

Smith dagegen betont immer wieder eine öffentlich geförderte Erziehung und Bildung breiter Schichten als wirksames Gegenmittel, um Langeweile und Eintönigkeit zu verhindern, aber auch um die Menschen vor religiösen und politischen Rattenfängern zu schützen.

Grundsätzlich sei der „Unterschied in den Begabungen der einzelnen Menschen in Wirklichkeit weit geringer, als uns bewusst ist, und die verschiedenen Talente, welche erwachsene Menschen unterschiedlichster Berufe auszuzeichnen scheinen, sind meist mehr Folge als Ursache der Arbeitsteilung.

So scheint zum Beispiel die Verschiedenheit zwischen zwei auffallend unähnlichen Berufen, einem Philosophen und einem Lastenträger, weniger aus Veranlagung als aus Lebensweise, Gewohnheit und Erziehung entstanden. Bei ihrer Geburt und in den ersten sechs oder acht Lebensjahren waren sie sich vielleicht ziemlich ähnlich, und weder Eltern noch Spielgefährten dürften einen auffallenden Unterschied bemerkt haben“ (18).

Weil in diesem Alter etwa begann, die beiden Jungen sehr verschiedenen auszubilden und zu beschäftigen, „kommen auch die unterschiedlichen Talente zum Vorschein, prägen sich nach und nach aus, bis schließlich der Philosoph in seiner Überheblichkeit kaum noch eine Ähnlichkeit mit dem Lastenträger zugeben wird“ (18).

Smith Modell der Arbeitsteilung funktioniert selbstredend nur unter der Bedingung, dass „natürliche Freiheit“ in einem Land herrscht, dass das moralische Gewissen im Volk intakt ist und eine stabile undanerkannte Rechtsordnung das ökonomische Verhalten der Individuen disziplinieren. Wie stets im Liberalismus verbinden sich also auch hier individuelle Freiheit und kollektives Wohlergehen.

Zitate aus: Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, München 2009 (dtv) 

Donnerstag, 18. Oktober 2012

Aristoteles und die Demagogen


Aristoteles (Francesco Hayez - 1811)
Für Aristoteles ist der Staat zunächst nicht mehr als ein Zusammenschluss kleinerer Einheiten (Familie, Hausgemeinschaft, Dorf) zu einer großen und vielfältigen Gemeinschaft.

„Es ist doch klar, dass ein Staat, der immer mehr eins wird, schließlich gar kein Staat mehr ist. Seiner Natur nach ist er eine Vielheit. Auch wenn man eine Einheit herstellen könnte, so dürfte man es nicht. Denn dann würde man den Staat überhaupt aufheben. Der Staat besteht ja nicht nur aus vielen Menschen, sondern auch aus solchen, die der Art nach verschieden sind. Aus ganz Gleichen entsteht kein Staat“ (1261 a 20ff).

Als Gemeinschaft hat der Staat die Aufgabe, sowohl das Überleben zu garantieren als auch das vollkommene Leben seiner Bürger zu ermöglichen, so dass diese selbst und auf ihre individuelle Art und Weise die Glückseligkeit erreichen können.

„Obwohl zunächst entstanden, um das Überleben zu sichern, besteht der Staat doch weiter, um das vollkommene Leben zu ermöglichen. Darum existiert auch jeder Staat von Natur aus“ (1281 a 1).

Unter diesen Prämissen untersucht Aristoteles nun verschiedene Staatsformen und teilt sie in „gute“ und „entartete“ Verfassungen ein, entsprechend ihrer Tendenz, die oben beschriebenen Ziele zu erreichen, bzw. für das Wohl der Allgemeinheit und nicht für den Eigennutz der Herrschenden zu sorgen. Der Monarchie und Aristokratie  werden auf diese Weise die Tyrannis und die Oligarchie gegenübergestellt.

Der Demokratie widmet Aristoteles im IV. Buch besondere Aufmerksamkeit. Hier unterscheidet er insgesamt fünf verschiedene Formen demokratischer Herrschaft, darunter auch die von ihm favorisierte „Politie“, bei der Reiche und Arme zu gleichen Teilen an der Regierung teilhaben:

„Von den Demokratien ist die erste diejenige, in der die Gleichheit am meisten vorhanden ist. Unter Gleichheit versteht das Gesetz einer solchen Demokratie dies, dass keiner, reich oder arm, einen Vorrang hat, dass kein Teil über den anderen regiert, sondern beide vollkommen ebenbürtig sind“ (1291 b 30)

Grundsätzlich aber hält er die Demokratie für eine Herrschaft von (zu) vielen Freien und Armen zu Lasten der Tüchtigen und zum Schaden der Wohlhabenden. Weil die Armen in einem Staat immer zahlreicher sind, sind sie in einer auf dem Mehrheitsprinzip beruhenden Demokratie stets mächtiger.

Dies zeigt sich insbesondere an der letzten der fünf demokratischen Staatsformen, der extremen Demokratie. Während in den ersten vier Formen der Demokratie die Regierung auf der Grundlage von Recht und Gesetz erfolgt, liegt die Ausübung der Herrschaft in der extremen Demokratie stets in den Händen von Demagogen.

Aristoteles beschreibt mit dem Begriff „Demagogie“ zunächst eine moralisch verwerfliche Verhaltensweise, nämlich die Schmeichelei gegenüber Personen oder Gruppen zum Zweck persönlichen Macht- oder Gelderwerbs: „Der Demagoge ist nämlich der Schmeichler des Volkes“ (1313 b 40).

Darüber hinaus ist „Demagogie“ ein Verhalten, das vor allem aber in degenerierten Demokratien vorkommt:

Demosthenes (Fries im österreichischen Reichsrat)  
„Denn in solchen Demokratien, in welchen das Gesetz herrscht, kommt kein Demagoge auf, sondern die tüchtigsten unter den Bürgern sind die Stimmführer, wo aber die Gesetze nicht die Herren sind, da stehen Demagogen auf. Dort nämlich wird das Volk der Monarch, wenn auch ein aus vielen einzelnen zusammengesetzter, da die vielen nicht jeder für sich, sondern als Gesamtheit die Regierungsgewalt ausüben.

Ein solche Art von Volk, da es Alleinherrscher ist, sucht unumschränkt zu gebieten, indem es sich von den Gesetzen nicht regieren lässt, und wird so zu einem Despoten, so dass auch die Schmeichler bei ihm zu Ehren kommen, und es entspricht eine solche Volksherrschaft der Tyrannenherrschaft unter den Monarchien.

Darum ist auch der Charakter beider derselbe, und beide herrschen despotisch über alle Besseren, und die Volksbeschlüsse spielen hier die nämliche Rolle wie dort die Befehle;

Auch Demagoge und Schmeichler entsprechen einander genau, und beide haben bei beiden am meisten Einfluss, der Schmeichler beim Tyrannen und der Demagoge bei einem solchen Volk.

Die Demagogen nun sind schuld daran, dass alles nach Volksbeschlüssen und nicht nach den Gesetzen entschieden wird, indem sie alles vors Volk ziehen. Denn dadurch werden sie mächtig, dass das Volk alles selbst entscheidet und sie nun eben wieder die Meinung des Volkes bestimmen, indem sie es ja sind, denen die Menge gehorcht. Dies nun nimmt eine solche Berufung bereitwillig an, und so lösen sich die Ämter auf“ (1292 a 7-30).

Zwischen Demagoge und Volk gibt es somit eine wechselseitige Abhängigkeit: Weil die Macht in der extremen Demokratie beim Volk liegt, gehorcht es den Demagogen, die diese Alleinherrschaft des Volkes zugleich unterstützen und somit gleichermaßen Ursache als auch Folge einer „gesetzlosen“ Demokratie sind. 

Aristoteles´ Kritik zielt deutlich auf die Athener Demokratie in ihrer radikalen Phase. Explizit nennt er Ephialtes und Perikles (1274 a 10-14), an denen er deutlich macht, wie Demagogen bauen die Macht des Volkes ausbauen, indem sie die Einflussmöglichkeiten der „Reichen“ beschränken, diesen ihr Geld wegnehmen und an das Volk verteilen.

"Die Gefallenenrede des Perikles" (Philipp von Foltz) 

So sei athenische Demokratie schließlich in eine Herrschaft des Pöbels ausgeartet: Die Masse der Bürger habe weder ausreichende Kenntnis in politischen Angelegenheiten besessen, um sachgerechte Entscheidungen zu treffen, noch habe sie sich mit einem Gegenstand ausreichend vertraut machen können, um gerechte Urteile zu fällen.

Von Demagogen geschickt ausgenutzt hat zudem die Form der Entscheidungsfindung an sich – die sofortige Entscheidung nach der Diskussion, ohne die Sache noch einmal in Ruhe überdenken zu können – zu einer stark emotionalisierten Atmosphäre geführt, in der rationale Argumentationen geringe Durchsetzungschancen hatten.

Falls die auf diese Weise beschlossenen Unternehmungen in einem Misserfolg endeten, habe das Volk Sündenböcke gesucht, und – da der neidischen breiten Masse herausragende Individuen sowieso ein Dorn im Auge gewesen seien – die besten Leute der Polis durch Ostrakismus vertrieben oder durch Prozesse verfolgt (Sokrates, Miltiades, Themistokles).

So kommt man nach der Lektüre von Aristoteles zu dem aufschlussreichen Ergebnis, dass Demagogen ein moralisch verwerflicher, und dennoch strukturell notwendiger Bestandteil von Volksherrschaften und zugleich ein Faktor für deren Untergang sind.

Zitate aus: Aristoteles: Politik (München 1976)

Donnerstag, 11. Oktober 2012

Adam Smith und das Streben nach Wohlstand


Adam Smith
Bis in unsere heutige Zeit muss sich Adam Smith (1723-1790) gegen den Vorwurf wehren, er würde das Ökonomische und Materielle im Leben und Verhalten der Individuen verabsolutieren und dagegen das Sittliche und Moralische vernachlässigen.

Dieser Vorwurf ist einfach unverständlich, weil kaum ein anderer Nationalökonom seine Ideen zur Wirtschaft so eng mit der Moralphilosophie verbunden hat wie Adam Smith.

Im Alter von nur 29 Jahren übernahm Adam Smith an der Universität Glasgow die Professur für Moralphilosophie, die vor ihm sein Lehrer Hutcheson innehatte. 1759 veröffentlichte Smith sein erstes großes Werk, die „Theorie der ethischen Gefühle“, das ihn in ganz Europa bekannt machte.

In diesem Werk hat Smith – als ein an der Wirklichkeit der Dinge orientierter Mann – unmissverständlich deutlich gemacht, dass jede Analyse ökonomischer Phänomene immer nur einen Aspekt des menschlichen Handelns in Gemeinschaften erfassen kann.

Smith urteilt grundsätzlich positiv über die Veranlagung des Menschen, seine eigene Lage verbessern zu wollen, denn er ist der Überzeugung, dass sich erst im Zuge dieser ständigen individuellen Anstrengung auch die produktiven Kräfte eines Landes überhaupt erst entwickelt werden können.

Theorie der ethischen Gefühle (1759)
So sieht Smith die positiven Folgen eines im Grundsatz egoistischen Verhaltens und Handelns des Individuums darin, dass die Gemeinschaft dadurch insgesamt reicher werde und sich wirtschaftlich und kulturell entwickeln könne.

Das Streben nach Wohlstand und sozialer Anerkennung „weckt den Erwerbsfleiß der Menschen und hält ihn dauernd in Gang. Erst dadurch wurden sie veranlasst, den Boden zu kultivieren, Häuser zu bauen, Städte und Gemeinwesen zu gründen und all jene Wissenschaften und Künste zu erfinden und zu verbessern, die das Leben des Menschen verfeinern und verschönern, die die ganze Oberfläche der Erde völlig verändert haben, das Dickicht und die Wälder in der Natur in freundliche und fruchtbare Felder verwandelt haben und den weg- und wertlosen Ozean zu einer neuen Hilfsquelle und zu dem großen Verkehrsweg für die verschiedenen Länder der Welt machten“ (Theorie, 263f).

Das entscheidende Motiv für die Bildung von Wohlstand in einem Land ist also das Streben der Individuen nach Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage und sozialen Stellung. Für Smith ist dieses auf Eigenliebe ruhende Verhalten ein „ethisches Gefühl“, ein „Wunsch, der uns von Geburt an begleitet und uns niemals wieder verlässt, bis wir zu Grabe getragen werden“ (Wohlstand, 282)

Dieses seiner Natur nach egoistische Verhalten wird bei Smith nun auf dreifache Weise in Schranken gehalten. Zum einen durch die Sympathie – auch Mitgefühl oder Interesse für den anderen -, das die Individuen davon abhält, einem anderen Unrecht zuzufügen. Ohne diesen Sinn für Gerechtigkeit wäre nach Smith Ansicht keine Gemeinschaft lebensfähig.

Die zweite Schranke – eng verbunden mit der ersten - besteht in der freiwilligen Anerkennung von gemeinsamen Regeln der Ethik und Gerechtigkeit, zu welchen die Menschen mittels des common sense, also ihrer Erfahrung und Vernunft, Zugang haben. Schließlich muss drittens ein System positiver Gesetze die Regeln der Gerechtigkeit durch Androhung von Sanktionen erzwingen, wozu es letztlich des Staates und seiner Institutionen bedarf.

Diese drei Schranken erläutert Smith in seiner „Theorie der ethischen Gefühle“. Im „Wohlstand der Nationen“ kommt noch die ökonomische Konkurrenz als vierte Schranke gegen einen allzu ungehemmten Egoismus speziell in der Wirtschaft hinzu.

Insgesamt verteidigt Smith somit einen geläuterten, einen aufgeklärten Egoismus, der sozialen und rechtlichen Regeln unterworfen ist.

Unter der Bedingung, dass „natürliche Freiheit“ in einem Land herrscht, das moralische Gewissen im Volk intakt ist und Rechtsordnung und Konkurrenz das ökonomische Verhalten der Individuen disziplinieren, sind Eingriffe des Staates in den Wirtschaftsablauf in der Regel nicht weiter nötig. 

Arbeit = Wohlstand = Schönheit (Max Klinger, 1857 - 1920)
Daraus jedoch einen nackten und grenzenlosen Egoismus abzuleiten, der eine schrankenlose Freiheit im Wirtschaftsalltag oder auch ein „Leben ohne jeden Zwang“ propagiert, geht an der Intention und den Grundgedanken von Adam Smith völlig vorbei.

Im Gegenteil: Smith war davon überzeugt, dass es durchaus möglich ist, persönliche Freiheit und wirtschaftliche Leistung auf friedliche Weise in Einklang zu bringen und sie zum Wohle der Gemeinschaft miteinander zu versöhnen. Nur auf dieser Grundlage sei Smith zufolge eine soziale Koexistenz innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft möglich.

Zitate aus: Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Eine Untersuchung seiner Natur und seiner Ursachen, München 2009 (dtv)  --  Adam Smith: Theorie der ethischen Gefühle, Leipzig 1926 (Meiner)

Donnerstag, 4. Oktober 2012

Martin Luther und die Arbeit


Auch wenn Martin Luther in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung“ (1520) geschrieben hatte, dass es „viel göttlicher wäre, das Ackerwerk zu mehren und die Kaufmannschaft zu mindern (WA 6,466,40f), hat er doch den Handel grundsätzlich befürwortet – vorausgesetzt, er diene dem Wohl der Gemeinschaft.

Bauern bei der Feldarbeit

Sobald aber der Handel zum Zwecke des eigenen Gewinnstrebens funktionalisiert wird, kritisiert ihn Luther mit aller Deutlichkeit, so in den beiden „Sermonen von dem Wucher“ (1519 / 1520) und in der Schrift „Von Kaufhandlung und Wucher“ (1524), in der er sich auch mit der Frage der großen Handelsgesellschaften und Monopole auseinandersetzt.  

Luthers Kritik fußt auf einem doppelten Ansatz: Zum ersten wendet er sich gegen einen rigorosen Egoismus, den er auch im Hinblick auf das gesamte Feld wirtschaftlicher Tätigkeit eindeutig als Wucher bezeichnet. Er erkennt, dass sich in dieser Zeit die Kaufleute von der bürgerlichen Solidarität lösen und eine Art wirtschaftliches Faustrecht ausüben. Ihr tatsächliches Verhalten und nicht das Gewerbe an sich fordert also Luthers Zorn heraus.

An dieser Stelle nun wird deutlich, dass es Luther zum zweiten um die sozialen Konsequenzen der neuen Kaufmannsmentalität geht. Solange der Handel im Dienst der Gemeinschaft steht, erkennt Luther seine Notwendigkeit und Nützlichkeit an. Aber schon der Fernhandel und Luxusgüterhandel sprengt für ihn diesen Rahmen.

Martin Luther
So sieht Luther schließlich durch die gesamte wirtschaftliche Entwicklung die soziale Ordnung überhaupt gefährdet. Die Handelsgesellschaften durchbrechen den für Luther so wichtigen Organismus der wohlgeordneten kommunalen und territorialen Gemeinwesen: Die wirtschaftlichen und staatlichen Wirkungskreise überschneiden sich. Zugleich durchbrechen sie jenes körperschaftliche Zusammenspiel der politisch-rechtlichen, wirtschaftlichen und ethischen Kräfte und Motive, die für Luther das Merkmal der bisherigen Lebensordnung ausmachten.

So stellt Luther den Entwicklungen in der Wirtschaft kompromisslos die Weisungen der Bergpredigt entgegen, die für das Gewissen der einzelnen Christen eine verbindliche Norm darstellen sollen. Für Luther ist entscheidend, dass für den Menschen, auch wenn er von staatlicher und kirchlicher Obrigkeit durch Gesetz und Gebet in seinem wirtschaftlichen Handeln nicht gebunden wird, eine bindende Norm gegeben ist in der freien Unterstellung der Persönlichkeit unter das „sanfte Joch“ des Evangeliums.

Die Konsequenz für Luther ist, dass jedes Verhalten des Menschen einen verantwortungsbewussten Dienst am Nächsten beinhaltet. Auf diesem Gedanken gründet letztlich auch Luther Verständnis von „Arbeit“ als „Dienst am Nächsten.“

An entscheidender Stelle schreibt Luther: „Denn dein Verkaufen soll nicht ein Werk sein, dass frei in deiner Macht und deinem Willen steht, ohne alles Gesetz und Maß – so als wärest du ein Gott, der niemandem verbunden wäre. Sondern weil dein Verkaufen ein Werk ist, das du gegen deinen Nächsten übst, soll es mit solchem Gesetz und Gewissen verfass sein, dass du es übst ohne Schaden und Nachteil für deinen Nächsten“ (WA, 15,295,22ff).

Die Werke der Barmherzigkeit (Brueghel)

Arbeit als solche bezieht Luther also auf ihren Nutzen für den Mitmenschen, als Werke der Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Luther wendet sich so gegen eine Wertschätzung der Arbeit, die sich allein an ihrer Produktivität und Leistung, also am wirtschaftlichen Ertrag, messen will. Ein Kaufmann, der mit seiner Arbeit nichts als seinen Gewinn anstrebt, ohne dabei auf die Bedürfnisse des Nächsten zu achten, ist für Luther nicht besser als ein Räuber und Dieb (WA 15,295,3ff).

Entscheidend für Luther ist also der Dienstcharakter der Arbeit einerseits und Arbeit als Tätigkeit zur Sicherung des eigenen, zum Leben notwendigen Grundbedarfs andererseits. Zwar sind die Weisungen der Bergpredigt „nur“ für das Gewissen verbindlich, gleichwohl sollen sie ihren konkreten Niederschlag im Alltag der Menschen finden – auch und vor allem in ihrer beruflichen Praxis.

Mit seiner Argumentation steht Luther im Übrigen im deutlichen Gegensatz zu gesamten scholastischen Tradition. Nicht nur Thomas von Aquin, vor allem die Schule von Salamanca (benannt nach der spanischen Universität von Salamanca, an der ihre Vertreter lehrten) hatte versucht, die Lehren von Aquins mit der neuen ökonomisch-politischen Ordnung der Zeit zu harmonisieren.

In einem für die damalige Zeit unüblichem Maße fordern ihre Vertreter mehr Freiheit, die in den natürlichen Rechten des Menschen begründet lag: Recht auf Leben, Recht auf Privateigentum, Meinungsfreiheit und Respekt vor der menschliche Würde.

Für den Jesuiten Francisco Suárez (1548–1617) beispielsweise beruhte der Ursprung der politischen Macht in der Gesellschaft auf einem „Vertrag“, der nur durch den Konsens von freien Individuen herausbilden kann.

Für Aufsehen aber sorgte die Schule von Salamanca mit ihren Beiträgen zur Ökonomie, um die neuen gesellschaftlichen Probleme, mit denen sich auch Luther beschäftigte, zu bewältigen. Ihrer Ansicht zufolge beruht die natürliche Ordnung der Gesellschaft auf der „Freiheit der Zirkulation“ von Menschen, Gütern und Ideen. Sie erlaube den Menschen ein gegenseitiges Kennenlernen und die Herausbildung eines Gemeinschaftsgefühls.

Diego de Covarrubias
Einigkeit herrschte bei den Anhängern der Schule von Salamanca darüber, dass sich Eigentum stimulierend auf die ökonomische Aktivität auswirke, die wiederum zum allgemeinen wirtschaftlichen Wohlergehen beitrage. Diego de Covarrubias y Leiva (1512–1577) zufolge haben Menschen daher nicht nur das Recht auf Privateigentum, sondern auch das Recht, exklusiv aus den Vorteilen dieses Besitzes zu profitieren.

Auf dieser Grundlage entstanden auch die Beiträge der Schule zur Frage des gerechten Preises. Im Gegensatz zu Luther Prinzip der „ziemlichen Nahrung", entwickelten Diego de Covarrubias und Luis de Molina  (1535−1600) eine subjektive Werttheorie: Der Nutzen eines Gutes variiere von Person zu Person, so dass sich ein gerechter Preis automatisch durch wechselseitige Entscheidungen der Marktteilnehmer im freien Markthandel einpendele. Voraussetzung hierfür sei, dass keine Verzerrungen wie Monopole, Betrug oder staatliche Interventionen, die das Einpendeln des Marktpreises störten. Modern ausgedrückt vertraten die Anhänger der Schule von Salamanca also die Theorie der freien Marktwirtschaft, in der der Preis eines Gutes durch Angebot und Nachfrage bestimmt wird.

Auch in der Frage des Wuchers nahm die Schule von Salamanca eine zu Luther konträre Position ein. Die in der Renaissance einsetzende erhöhte Mobilität in der Bevölkerung und die damit verbundene Steigerung der Handelsaktivität bot den Unternehmern geeignete Umstände zur Gründung neuer, lukrativer Geschäfte. Da geliehenes Geld jedoch jetzt nicht mehr ausschließlich – wie noch im Mittelalter - dem Verbrauch, sondern auch der Produktion diente, konnte es nicht mehr auf die gleiche Weise wie in der Scholastik betrachtet werden. 

Die Schule von Salamanca erarbeitete daher zahlreiche Gründe, welche die Erhebung von Zinsen rechtfertigten. Zunächst profitiere offensichtlich die Person, die ein Darlehen erhält, dann ist der Zins die Prämie, die den Verleiher des Geldes für das Risiko, das er auf sich genommen hat, entschädigt. Außerdem verlor der Verleiher durch die Gewährung des Darlehens die Möglichkeit, das Geld auf andere Art gewinnbringend zu verwenden. So wurde das Geld selbst als Handelsware gesehen, und die Benutzung von Geld als etwas, das für alle Beteiligten vorteilhaft sein kann.

Wichtig ist der theologische Kontext der Argumentation. De Vitoria entwickelte die Idee, dass die Willensfreiheit ein Geschenk Gottes an jeden Einzelnen sei. Es sei allerdings unmöglich, dass der Wille jeder Person immer das Gute wählt. Deshalb entstehe das Böse als notwendige Konsequenz des freien Willens der Menschen.

Zitate aus: Martin Luther: Werke, Kritische Gesamtausgabe, 6 Bd., Weimar 1888 (sprachlich von mir bereinigt)

Weitere Literatur: Jan Bernert: Luthers frühe Schriften gegen Zins und Wucher (1519, 1520, 1524). Kirchengeschichtlicher Ort und theologische Argumentation. Wissenschaftliche Hausarbeit für die 1. Theologische Prüfung, Hamburg 1993 -- Christian Hecker: Lohn- und Preisgerechtigkeit. Historische Rückblicke und aktuelle Perspektiven unter besonderer Berücksichtigung der christlichen Soziallehren, Marburg 2008 (Metropolis) -- Jesús Huerta de Soto: La teoría bancaria en la Escuela de Salamanca, online unter: http://www.ilustracionliberal.com/11/la-teoria-bancaria-en-la-escuela-de-salamanca-jesus-huerta-de-soto.html  

Einige wichtige Hinweise auf die Haltung der Schule von Salamanca verdanke ich dem "Retablo de la Vida Antigua".