Donnerstag, 10. November 2011

Mirandola und die Würde des Menschen


Im Jahre 1486 erschien ein Werk, das Jacob Burckhardt als „eines der edelsten Vermächtnisse der Renaissance“ bezeichnet hat: Die Rede ist vom Traktat „De hominis dignitate" (Über die Würde des Menschen) von Giovanni Pico della Mirandola.

Im Zuge der Neuinterpretation des Menschenbildes durch die Renaissance griff Mirandola gleichermaßen auf die biblische Tradition wie auf antike Autoren zurück. So interpretierte er die Frage nach dem Wesen des Menschen und seiner Stellung in der Welt in einer neuen Art und Weise: Die Menschenwürde erscheint nun nicht mehr nur statisch als eine Gabe der Natur des Menschen, sondern dynamisch als das Ergebnis der schöpferischen Kräfte des Menschen.

Konstitutiv für die Würde des Menschen ist nach Mirandola die Freiheit, mit der der Mensch als einziges Geschöpf von Gott selbst ausgestattet wurde.

So richtet Gott nach der Erschaffung des Menschen folgende Worte an ihn: „Wir haben dir keinen festen Wohnsitz gegeben, Adam, kein eigenes Aussehen noch irgendeine besondere Gabe, damit den Wohnsitz, das Aussehen und die Gaben, die du selbst dir ausersiehst, entsprechend deinem Wunsch und Entschluss hast und besitzest.“ (5)

Während die Natur das Leben der anderen Lebewesen also fest bestimmt und innerhalb ihrer Gesetze begrenzt hat, kann sich der Mensch seine Umgebung nach eigenem Ermessen, ohne jede Einschränkung und Enge selbst bestimmen.

„Weder haben wir dich himmlisch noch irdisch, weder sterblich noch unsterblich geschaffen, damit du wie dein eigener, in Ehre frei entscheidender, schöpferischer Bildhauer dich selbst zu der Gestalt ausformst, die du bevorzugst.“ (7)

Hier kommt die Verherrlichung des Menschen und seiner kreativen Potenz in der Renaissance beispielhaft und wunderschön zum Ausdruck. Der freie Wille des Menschen ist demnach nicht nur die Voraussetzung für die Fähigkeit des Menschen, sich in der Welt nach eigenem Belieben frei zu bewegen, sondern begründet auch jede Form der individuellen Kreativität und persönlichen Selbstverwirklichung.

Die Gabe der Freiheit stellt den Menschen zugleich vor eine wichtige Entscheidung: Er kann „zum Niedrigen, zum Tierischen entarten“ aber auch „zum Höheren, zum Göttlichen wiedergeboren werden“, je nachdem wie die „Seele des Menschen es beschließt“ (7)

Die Keime für jede Lebensform sind im Menschen bereits angelegt. Jetzt liegt es allein an der freien Entscheidung des Individuums, welche „ein jeder hegt und pflegt“, denn diese „werden heranwachsen und ihre Früchte in ihm tragen. Sind es pflanzliche, wird er zur Pflanze, sind es sinnliche, zum Tier werden. Sind es Keime der Vernunft, wir er sich zu einem himmlischen Lebewesen entwickeln.“ (7)

Mirandolas Freiheitsverständnis hat aber noch eine weitere Facette. Freiheit begründet nicht nur Bewegungs- und Handlungsfreiheit, nicht nur die Freiheit zur Selbstverwirklichung, sondern auch das eigene und selbstständige Denken.

Weil dieses Denken auf die Erkenntnis von Wahrheit abzielt, darf es sich nicht in einer bestimmten Lehr- oder Schulmeinung einschließen lassen.

“Ich aber habe mich selbst dahingehend unterwiesen, auf die Worte keines Meisters der Philosophie zu schwören, sondern meine Aufmerksamkeit auf alle auszudehnen, sämtliche Schriften zu durchforschen, alle Schulen kennenzulernen.“ (43)

Die Auseinandersetzung mit der Tradition wird sich also nur dann als fruchtbar erweisen, wenn sie zum Ausgangspunkt einer eigenen Denkleistung wird. Für Mirandola ist es ein Zeichen von Engstirnigkeit, „wenn man sich immer nur innerhalb der Grenzen einer einzigen Säulenhalle oder Akademie aufgehalten hat.“ (43). Letztlich verpasse man so auch die Besonderheiten, die jede Denkrichtung nun einmal in sich trage.

Es sei – so Mirandola im Anschluss an Seneca - schlicht unedel, „seine Weisheit nur aus einem Merkheft zu beziehen“, so als wäre die eigene naturgegebene Kreativität nicht ausreichend genug, um einen wahren Gedanken auch aus sich selbst hervorzubringen.

Auch im Denken zeigt sich also, ob der Mensch seine Freiheit „zum Höheren“ nutzt oder „zum Niedrigen“ verschwendet. 

Zitate aus: Giovanni Pico della Mirandola: Über die Würde des Menschen, herausgegeben und eingeleitet von August Buck, Hamburg 1990 (Meiner)
Weitere Literatur: Jacob Burckhardt: Die Kultur der Renaissance in Italien, in: Das Geschichtswerk, Bd. 1, Frankfurt am Main 2007 (Zweitausendeins)

Kommentare:

  1. Entsprechend dem altindischen Enneagramm sind Verhaltensweisen vorprogrammiert, die Empfindungen des Rationalen und Emotionalen bestimmen die künftigen Handlungen. Das ist viel älter als das 15.JH.

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    1. Liebe (Lieber?) Uti,

      der Unterschied zur altindischen Tradition, auf die Sie sich berufen, ist gleichwohl, dass Mirandola und in der Folge alle Verteidiger der Würde und vor allem Freiheit des Menschen davon ausgehen, dass es keinerlei Programmierungen gibt, die über unsere physische Verfassung hinausgehen.

      Über sein Verhalten und seine Optionen im Leben entscheidet der Mensch selbstständig und eigenverantwortlich. Dass einige Menschen dann Entscheidungen treffen, die sie zu "Pflanzen" oder "Tieren" machen und eben nicht "zu einem himmlischen Wesen", liegt in der Tragik der menschlichen Existenz. Gleichwohl gibt es keinen Grund, deshalb in Fatalismus zu verfallen.

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