Donnerstag, 5. Januar 2017

Theodor Storm und das Christentum

Hans Theodor Woldsen Storm ist hinlänglich als Schriftsteller, Lyriker und als Autor von Novellen und Prosa des deutschen Realismus mit norddeutscher Prägung bekannt. Weniger bekannt ist seine ablehnende Haltung gegenüber jeder Religion im Allgemeinen und gegenüber dem Christentum im Besonderen. 

Theodor Storm (1817 - 1888)
Als Norddeutscher ist Storm evangelischer Konfession und nimmt die kirchlichen Akte zu Taufe, Konfirmation, Eheschließung und Beerdigung als selbstverständlich und notwendig - aber nur, wenn sie ihn nicht persönlich betreffen. Sein Sohn Hans wird später dreimal in der Woche zum Religionsunterricht geschickt. Man feiert die Konfirmation der Kinder.

Unübersehbar aber ist Storms fundamentale Gegnerschaft zur Kirche. Sie gründet sich wohl auf sein Heidentum in seinem friesischen Thule, wie auch Thomas Mann meinte.

Ihre genauere Gründung hat sie in der Ablehnung der kirchlichen Glaubensbotschaft: "Jesus Christus, Gottes Sohn, nehme das Kreuz auf sich für die Sünden der Welt, leide und sterbe dafür, erstehe vom Tod auf, fahre auf gen Himmel, sitze dort zur Rechten Gottes, von woher er kommen werde, um Lebende und Tote zu richten. Der Glaube an den Heiligen Geist, an die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben, Amen."

Dieser Glaube fehlt Storm, ja er lehnt ihn heftig und kräftig ab und bringt ihn in seinem Gedicht »Crucifixus« auf den Punkt:

Am Kreuz hing sein gequält Gebeine,
Mit Blut besudelt und geschmäht;
Dann hat die stets jungfräulich reine
Natur das Schreckensbild verweht.

Doch die sich seine Jünger nannten,
Die formten es in Erz und Stein,
Und stellten’s in des Tempels Düster
Und in die lichte Flur hinein.

So, jedem reinen Aug’ ein Schauder,
Ragt es herein in unsere Zeit;
Verewigend den alten Frevel,
Ein Bild der Unversöhnlichkeit.

Die Verse zielen mit ihren Giftpfeilen auf die Jünger, also auf die Kirche. Der Mann hat nie christlich geglaubt; in dem Gedicht »Crucifixus« hat er dem Kreuzeszeichen eine Antipathie bewiesen, die an Mephistos Worte erinnert: Ich weiß es wohl, es ist ein Vorurteil / Allein genug, mir ist’s einmal zuwider …, schreibt Thomas Mann in seinem Storm-Essay.

Storm kennt Goethes Faust sehr gut; Mephisto hat ihm mit seiner Antwort auf Faustens Frage Was gibt’s Mephisto, hast du Eil? Was schlägst vorm Kreuz die Augen nieder? im »Urfaust« aus der Seele gesprochen.

Storm hatte bei der Vereidigung auf die preußische Verfassung zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden das Ende der Eidesformel in actu corporali geschworen und »selbst gelesen, genehmigt, unterschrieben« mit Hans Theodor Woldsen Storm.

Wie mag ihm, dem Kirche wie Adel das Gift in den Adern der Nation bedeuten, zu Mute gewesen sein, als er diesen Eid schwört? Das Wort »Gott« oder »Herr« geht ihm sonst leicht über die Lippen; in seinen Briefen taucht es immer wieder auf in Floskeln wie »So Gott will« oder »Das weiß nur Gott«; auch in seinen Gedichten: Du hast sie, Herr, in meine Hand gegeben.

Die Eidesformel, war für ihn wohl nicht nur reine Firmsache, auch wenn er sie mit voller, fester Stimme spricht. Was ihn runterzieht, ist das dienen, was ich nie gekonnt habe, wozu er nun aber als Gerichts-Assessor verpflichtet ist. Die Heimat erscheint ihm in der Fremde als Hort der Freiheit, diese Freiheit ist ihm nun genommen. Dienen und Freiheit ist für den preußischen Beamten kein Widerspruch; Storm kann da nicht folgen, insofern ist ihm die Eidesleistung ein verhängnisvoller Akt.

Storms Wohnhaus in Husum

Ein weiterer Beweis für Storms kirchenfeindliche Haltung ist der Umgang mit dem Tod seiner Ehefrau Constanze. Den Sarg tragen Mitglieder des Gesangvereins. Flieder und Rotdorn stehen in voller Blüte. Zur Familiengruft auf dem St.-Jürgen-Friedhof gehen sie zehn Minuten; eine winzige Trauergemeinde marschiert im heraufdämmernden Frühsommermorgen. Storms Bruder Aemil und sein drei Söhne begleiten Storm. Neben Storm geht sein ältester Sohn, Hans. 

So schildert es Ingrid Bachér (*1930), eine Storm-Urenkelin, in ihrem dokumentarischen Roman über den Stormsohn Hans: Zur Beerdigung ging sein Vater allein mit ihm, auf ihn gestützt hinter dem Sarg her, der in die Familiengruft gebracht wurde, morgens früh um drei, als die Stadt noch schlief. Der Witwer trug einen weißen Hut und schrie zuweilen vor Schmerz, während der Junge ihn ruhig und verzweifelt hielt. Die Urenkelin wird das nicht erfunden haben; so wird es gewesen sein.

Storm folgt seinem Eigensinn und seiner Überzeugung und stellt sich öffentlich gegen das bürgerlich Übliche. Ihn trägt sein aristokratischer Stolz und die familiäre Tradition: kein Pastor, keine Predigt, kein kirchliches Begräbnis, kein Gebet, kein Lied. So soll es sein, so ist es mit Constanze verabredet.

Zu Hause habe Storm dann stundenlang Klavier gespielt, schreibt Gertrud. Musik ist ihm Trost wie die Poesie. Noch am selben Abend schreibt er das Gedicht »In der Gruft bei den alten Särgen«.

In der Gruft bei den alten Särgen
Steht nun ein neuer Sarg,
Darin vor meiner Liebe
Sich das süßeste Antlitz barg.


Den schwarzen Deckel der Truhe
Verhängen die Kränze ganz;
Ein Kranz von Myrtenreisern,
Ein weißer Syringenkranz.


Was noch vor wenig Tagen
Im Wald die Sonne beschien,
Das duftet nun hier unten:
Maililien und Buchengrün.


Geschlossen sind die Steine,
Nur oben ein Gitterlein;
Es liegt die geliebte Tote
Verlassen und allein.


Vielleicht im Mondenlichte,
Wenn die Welt zur Ruhe ging,
Summt noch um die weißen Blüten
Ein dunkler Schmetterling.



Zitate aus: Jochen Missfeldt: Du graue Stadt am Meer. Der Dichter Theodor Storm in seinem Jahrhundert, München 2013 (Hanser)


Donnerstag, 20. Oktober 2016

Bertrand Russell und die göttliche Vorsehung

Bertrand Russell
In seinen „Unpopulären Betrachtungen“ widmet sich der britische Philosoph und Mathematik auch den Ideen, „die der Menschheit geschadet haben.“ Unter den „interessantesten und verhängnisvollsten Irrtümern“, dem Menschen und ganze Völker erliegen können, findet sich die Idee, sich für das besondere Werkzeug eines göttlichen Willens zu halten.

Es begann damit, dass sich die Israeliten beim Einfall in das Gelobte Land als Vollstrecker des göttlichen Willens sahen – und nicht die Hettiter, Girgaschiter, Amoriter, Kanaaniter, Perizziter, Hiviter oder Jebbusiter. Hätten diese anderen Völker jedoch auch ähnlich „umfangreiche Geschichtswerke verfasst, so hätte der Sachverhalt vielleicht ein wenig anders ausgesehen.“

Dann entdeckten die Römer – freilich erst `nach begangener Tat´ –, dass Rom von den Göttern zur Weltherrschaft bestimmt war.

Anschließend „kam der Islam mit seiner fanatischen Überzeugung, dass jeder im Kampf für den wahren Glauben gefallene Soldat schnurstracks ins Paradies eingehe, ein verheißungsvolleres Paradies als das der Christen, da Houris anziehender sind als Harfen.“

Sterbender muslimischer Krieger - Französische Wandmalerei aus der Provence
(Foto: picture alliance / akg-images)

Cromwell schließlich war überzeugt, „dass er das von Gott ausersehene Werkzeug seiner Gerechtigkeit zur Unterdrückung von Katholiken und Königstreuen sei.“

Weitere Beispiele ließen sich anfügen ...

Zuletzt nun „liegt das Schwert der göttlichen Vorsehung in den Händen der Marxisten. Hegel meinte, die Dialektik habe mit schicksalhafter Notwendigkeit Deutschland die Oberherrschaft verliehen. `Nein´, sprach Marx, `nicht Deutschland, sondern dem Proletariat´. Diese Lehre ist den früheren vom Auserwählten Volk und der göttlichen Vorsehung verwandt.“

Die Idee, sich für das besondere Werkzeug eines göttlichen Willens zu halten, sieht in ihrem Fatalismus den Kampf gegen ihre Gegner als einen Kampf gegen das Schicksal, und „fordert, der Kluge solle sich daher so schnell wie möglich auf die Seite des Siegers schlagen. Deshalb ist dies Argument politisch so gut zu gebrauchen.“

Der einzige, aber dafür umso schlagkräftigere Einwand gegen diese Idee ist der, „dass es eine Einsicht in die Absichten Gottes voraussetzt, die kein vernünftiger Mensch für sich beanspruchen kann.“

Das Problem, vor dem die selbsternannten Gotteskrieger stehen, besteht schlicht und ergreifend darin, dass sie nur durch Berufung auf den „göttlichen Willen“ die rücksichtslose Grausamkeit bei der Umsetzung dieses Willens rechtfertigen können, die ansonsten verwerflich wäre, wenn ihr Programm nur rein irdischen Ursprungs wäre.

Es ist daher gut, „Gott auf unserer Seite zu wissen, aber einigermaßen verwirrend, den Feind vom Gegenteil genau so überzeugt zu finden. Wie es in den unsterblichen Versen eines Dichters aus dem ersten Weltkrieg so schön heißt:

Gott strafe England, und God save the King.
Gott dies und das – `Du lieber Gott«, sprach Gott,
»um Arbeit braucht mir nun nicht bange sein!´“

Russell zufolge ist der Glaube an eine göttliche Sendung eine der vielen vermeintlichen Gewissheiten, die dem Menschengeschlecht geschadet haben: „Ich glaube, eins der weisesten Worte, die jemals gesprochen wurden, war die Mahnung Cromwells an die Schotten vor der Schlacht von Dunbar: `Ich beschwöre euch um Christi Barmherzigkeit willen, denkt daran, dass ihr Unrecht haben könntet!´ Aber die Schotten dachten nicht daran, und so musste er sie im Kampf besiegen. Schade dass Cromwell diese Mahnung nie an sich selbst richtete.“

Die meisten und schlimmsten Übel, die der Mensch dem Menschen zugefügt hat, entsprangen, so Russell, „dem felsenfesten Glauben an die Richtigkeit falscher Überzeugungen. Die Wahrheit zu kennen ist schwieriger als die meisten glauben, und mit rücksichtsloser Entschlossenheit zu handeln, in dem Glauben, man habe die Wahrheit in Erbpacht, heißt Unheil heraufbeschwören.“

"Die meisten und schlimmsten Übel, die der Mensch dem Menschen zugefügt hat, entsprangen dem felsenfesten Glauben an die Richtigkeit falscher Überzeugungen"
 - Gräberfeld des 1. Weltkrieges - 

Daher seien lange Überlegungen, dass man gegenwärtige sichere Leiden zufügen müsse, um eines zweifelhaften zukünftigen Vorteils teilhaftig zu werden, stets mit Argwohn zu betrachten, denn, wie Shakespeare sagte, `Das Kommende ist noch ungewiss´.

Selbst der Klügste gehe weit irre, wenn er auch nur auf zehn Jahre die Zukunft vorhersagen will. „Im öffentlichen wie im Privatleben kommt es auf Toleranz und Freundlichkeit an, nicht aber auf die Anmaßung einer übermenschlichen Gabe, in die Zukunft zu schauen.“

Zitate aus: Bertrand Russell: Unpopuläre Betrachtungen, Zürich 2009 (Europa Verlag)